Meine Missbrauchs-Geschichte

Opfer haben immer lebenslänglich.
Dies ist eine reale Inzest-Geschichte. Wer nach aufgeilenden Geschichten (von der Porno-Industrie) sucht, sollte weiterlesen, um ein Gefühl für die reale Welt hinter den Theater-Kulissen zu kriegen.

Hier sind Tipps für Kinder und Jugendliche, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind

Zitat von Christa, der Gründerin von Aufrecht:
Überall auf der Welt wird darüber geschwiegen. Tagtäglich. Nur langsam wird das Tabu gebrochen. Ich muß es brechen, das bin ich dem Kind, das in mir lebt schuldig, denn es mußte so lange schweigen.

Achtung, triggert sehr stark!

Nach langem Zögern habe ich mich nun doch entschlossen, Teile meiner Missbrauchs-Geschichte im Internet zu veröffentlichen (Feb. 2004). Es ist nur eine von mehreren Missbrauchs-Geschichten durch mindestens fünf verschiedene Täter, aber wohl die mit den stärksten Auswirkungen auf mein Leben (weitere Geschichten sind in verschiedenen Teilen meiner Artikel über sexuellen Missbrauch eingestreut; speziell über religiösen Missbrauch gibt es einen eigenen Artikel). Die Namen der vorkommenden Personen fehlen entweder oder sind verändert. Ich schreibe die Geschichte hauptsächlich zur Information für die Öffentlichkeit auf. Erfahrungsberichte von Männern, die als Junge sexuell missbraucht wurden, sind immer noch selten.

Wer selbst keinen Missbrauch erlebt hat, kann sich nur schwer vorstellen, wie das ist und was das wirklich bedeutet, wie sich das anfühlt. Eigentlich gibt es keine Worte dafür. Man kann es nicht wirklich schildern. Wie soll ich erklären, wie sich einer fühlt, der so etwas an seinem eigenen Leib und an seiner eigenen Seele erlebt hat. Was erlebter Missbrauch für die eigene persönliche Existenz wirklich bedeutet, lässt sich sich in diesem Medium nur schwer vermitteln. Ich versuche es aber trotzdem. Manche meiner eigenen Gefühle kenne ich selbst noch nicht, trotz Therapie (siehe Abspaltungen). Teilweise ist es auch ein Nicht-Gefühl.

Die folgende Geschichte ist eine unvollständige Rekonstruktion aus sehr vielen Puzzle-Teilen. Die exakte zeitliche Reihenfolge und Einordnung lässt sich nicht mehr in allen Fällen genau bestimmen. Die meisten Puzzle-Teile kamen Ende 1998 / Anfang 1999 wie bei einem Vulkanausbruch in mein Bewusstsein und überschwemmten mich regelrecht (siehe auch Dekompensation; später bekam ich die Diagnose einer PTBS = Posttraumatischen Belastungsstörung zuerkannt). Die Erinnerungen standen damals so plastisch vor meinen Augen wie in einem Film, den ich aber nicht abschalten konnte. Zum Glück habe ich damals viele Teile schriftlich festgehalten. Auf diese Aufzeichnungen stützt sich die folgende Rekonstruktion zum großen Teil. Weitere Stützen sind Bestätigungen aus teilweise voneinander unabhängigen Quellen, insbesondere die im Frühjahr 1999 von mir brieflich konfrontierten Täter und weitere Familienangehörige. Nicht nur meine Mutter hat den Missbrauch zugegeben (leider ohne auf Details einzugehen): auch mein Vater hat (nach anfänglicher Leugnung) durch seinen Zusammenbruch nach der Konfrontation indirekt bestätigt, dass er mich als Kind nach der Aufdeckung des Missbrauchs geprügelt hat. Er hat mir dann auch einige wenige Details wie den Ort einiger dieser Szenen verraten, an den ich mich nicht mehr erinnern konnte. Weitere bestätigende Quellen sind meine Tante und meine Oma sowie die älteste meiner (jüngeren) Schwestern, von denen ich allerdings kaum Details erfahren konnte. Keiner aus meiner Familie zweifelt die Geschichte an.

Damit ist die Geschichte in ihren Grundzügen und Haupt-Wesensmerkmalen relativ gut abgesichert; die Details stammen jedoch fast ausschließlich aus meiner Erinnerung. Ich behaupte nicht, dass diese vollkommen unverzerrt ist. Sie gibt aber ziemlich genau das wieder, was in meinem subjektiven Erleben als Kind vor sich gegangen ist. Vieles aus dieser Erinnerung ist durch meine kindliche Sicht der Dinge gefärbt. Durch meine Aufarbeitung in der Therapie kommen auch Interpretationen aus Erwachsenen-Perspektive hinzu, die für meine Heilung unerlässlich sind.


Die Geschichte begann um meinen achten Geburtstag herum, kurz nach der Geburt meines jüngsten Bruders, also vermutlich etwa im April 1970. In dieser Zeit spielte ich manchmal gegenüber meiner Mutter die Rolle des Ersatz-Vaters, z.B. war ich dafür zuständig, die schwer aufzukriegenden Einmachgläser zu öffnen (was mir meist mit Hilfe von Werkzeug gelang).

Unsere Familie (4 Kinder) wohnte zusammen mit den Großeltern in einer winzigen Altbau-Haushälfte in einem kleinen Dorf. Mein Dachboden-Zimmer war erst kürzlich für mich ausgeräumt und neu eingerichtet worden. Neben diesem Zimmer gab es ein weiteres, in dem offiziell meine Tante wohnte, die aber weit weg arbeitete und nur selten an Wochenenden zu Besuch kam. Eigentlich sollten meine beiden Schwestern in das Nachbarzimmer kommen, doch meine Mutter gab meiner Tante die Schuld daran, dass das nicht ging und meine Schwestern in einem Stockbett im winzigen Kinderzimmer wohnen mussten, während mein neugeborener Bruder im Wagen im Wohnzimmer schlief.

Eines Abends zog ich mir beim Zubettgehen wie üblich meine Windeln an, da ich Bettnässer war und nachts oft geweckt wurde, um aufs Klo zu gehen. Meine Mutter kam hinzu, und ich fragte sie etwas über mein Glied und meine Hoden, weil ich das gerade interessant fand (und mich sowieso für alles brennend interessierte). Ich wollte wissen, wie das alles funktioniert. In den Grundzügen war ich zwar schon längere Zeit aufgeklärt, wollte aber noch mehr wissen. Ich war einfach ein neugieriger Junge, der manchmal nicht genug in sich aufsaugen konnte.

Sie reagierte darauf mit so einer Art "Sexualkunde-Unterricht". Dieser war für mich am Anfang sehr interessant. Meine Mutter fing nämlich an, sich auszuziehen und mir zu zeigen, wie es bei ihr aussah. Sie erklärte mir auch einiges über ihre Brustwarzen, aus denen das Baby gerade seine Milch saugte, und vieles mehr. Das war am Anfang richtig spannend und interessant. Irgendwann wurde es mir dann aber doch mulmig. Sie fing nämlich an, das auch praktisch auszuprobieren. An dieser Stelle ist die Situation nach den Worten meines Therapeuten umgekippt und in ein vollkommen anderes Gleis geraten. Ich möchte hier keine Details schildern, die Spanner, Pädophile oder Täter anziehen könnten. Daher ist die Beschreibung der eigentlichen Missbrauchs-Szenen ein wenig abstrakt und um die vielen Details bereinigt, die ich ohne weiteres erzählen könnte.

Die Situation führte jedenfalls dazu, dass ich sie sexuell befriedigen musste. Nur war mir das als Kind am Anfang noch gar nicht klar. Für mich war das einfach nur die Erforschung eines für mich neuen und interessanten Gebietes. Meine Mutter forderte mich dazu auf, es erst einmal probehalber zu versuchen. Eigentlich wollte ich das schon nicht mehr, und ich versuchte, mich darum zu drücken. Sie bestand jedoch darauf, dass das später für mich wichtig sei, wenn ich einmal groß bin. Also machte ich zunehmend immer unwilliger das, was sie mir sagte. Irgendwann wurde es mir wirklich genug, und ich hörte einfach auf. Meine Mutter war aber (offensichtlich aus heutiger Sicht interpretiert, nur mir leider als Kind nicht bewusst) bereits so in sexuelle Erregung verfallen (die ich in der Erwachsenen-Form als Kind ja gar nicht kannte!) und in eine mir fremde Art von Rage geraten, dass sie offenbar der Meinung war, aufhören könne man nicht. Nur so kann ich mir erklären, dass sie mich mit immer stärkerer Gewalt zwang, weiterzumachen. Als Kind konnte ich das aber überhaupt nicht nachvollziehen. Es war eine total andere, fremde und furchterregende Welt. Irgendwann wurde es mir derart unangenehm, dass ich aus dem Bett sprang und weg wollte, jedoch mit einem Fuß hängen blieb (oder festgehalten wurde?). Darauf kam sie hinter mir her und schlug mich. Ich habe den Ort dieser Schläge, zwischen Bettkante und Fußboden, auch heute noch genau vor Augen, und wie ich mit dem linken Arm versuchte, ihre Schläge abzuwehren. Das Ganze wurde durch Befehle in zunehmend rüderem Tonfall begleitet. Ich musste trotz Tränen in meinen Augen weitermachen. Ich machte aber angeblich alles falsch. Deswegen fing sie an, mir die Hand zu führen. Sobald ich die Hand zurückzog, bekam ich umgehend eine Ohrfeige und wurde von ihr angeherrscht. Widerwillig machte ich, was sie sagte. Das heisst, ich versuchte es. Ich machte es nie richtig, und bekam dafür Schimpfe und Drohungen von Schlägen.

Irgendwann brach ich in absolute Panik aus. Ihr Gesichtsausdruck verzerrte sich, und ihr bisheriges lautes Stöhnen ging abrupt in ein Schreien über, das ich noch nie in meinem Leben gehört hatte. Gleichzeitig zuckte sie in einer so seltsamen Weise, dass ich fürchterlich erschrak und dachte, dass ich schon wieder etwas falsch gemacht und sie verletzt habe, weil sie so schrie. Ich fürchtete, nun gleich die schlimmsten Prügel meines Lebens dafür zu bekommen und geriet in helle Panik. Im nächsten Moment dachte ich, dass ich sie vielleicht umgebracht hätte, weil sie nach dem Schrei plötzlich die Luft anhielt und die Augen so seltsam verdrehte. Darüber erschrak ich noch mehr und geriet in absolute Panik. Ich kann meine Reaktion auf diesen befürchteten "Mord" an meiner Mutter nicht anders beschreiben als Erschrecken bis in Mark und Knochen, bis in mein tiefstes Inneres. Ich kann gar nicht richtig beschreiben, was in diesen Sekunden und Sekundenbruchteilen in mir vor sich ging. In mir brach eine ganze Welt zusammen.

Wie ich heute weiß, hat dieser Moment mein gesamtes Leben grundlegend verändert.

Dann war ich auf einmal wieder erleichtert, weil sie doch weiter atmete. Ich war aber total verwirrt und wusste überhaupt nicht, was da vor sich ging und was das war. Dann wurde die Szene aus meiner kindlichen Sicht noch verrückter: auf einmal fing sie an zu strahlen und zu lachen. Diesen Gesichtsausdruck meiner Mutter werde ich nie mehr vergessen. Er ist unbeschreiblich. Ich wusste das überhaupt nicht einzuordnen. Statt der erwarteten Prügel bekam ich plötzlich Lob von ihr. Meine Gefühle waren total wirr und verquer. Nichts passte zusammen. Was da geschah, war außerhalb meiner kindlichen Vorstellungswelt und völlig unbegreiflich, ja mehr noch: bedrohend. Es gibt kein besseres Wort. Die ganze Situation hatte den Charakter einer einzigen Bedrohung meines Lebens, weil ich weder aus noch ein wusste, und mich ihr auch nicht entziehen konnte (ohne Prügel oder andere Strafen zu riskieren).

Sie schärfte mir ein, dass ich niemandem davon erzählen durfte, insbesondere nicht meinem Vater. Sie drohte mir auch etwas an, was geschehen würde, falls ich etwas erzählen würde. Was das genau war, ist noch verdrängt. Ich habe jedoch einen Gefühls-Zugang dazu gefunden und sehe ihr drohendes Gesicht und ihre Handhaltung vor mir. Ich wusste als Kind, dass das absoluter Ernst war.

Ähnliche Szenen wurden von nun an immer häufiger. Ich bekam schon immer regelrechte Angst davor, wenn mein Vater an bestimmten Abenden auf Vereins-Sitzungen ging oder anderweitig weg war. Beim zweiten oder dritten Mal wolle ich von ihr wissen, warum ich das machen musste. Ihre Antwort: weil sie das bei ihrer Mutter auch machen musste, und Kinder müssen ihren Eltern "folgen". Ihre Kommandos wurden immer kürzer. Ich wusste, dass "nicht-folgen" zu weiteren Prügeln führen würde und "folgte" deshalb so gut es ging.

Die Art des Missbrauchs wurde jedoch sehr schnell immer brutaler. Wahrscheinlich beim dritten oder vierten Mal (so genau kann ich die Anzahl der Wiederholungen nicht bestimmen, es dürften aber nicht allzu viele gewesen sein) "schwärmte" sie mir vor, wie toll doch Anal-Sex sei. Ich wusste aber gar nicht, was das Wort "anal" bedeutete (hatte ich noch nie gehört). Was das bedeutete, führte sie mir dann jedoch vor: ich musste im Bett auf dem Bauch liegen. Sie saß auf meinen ausgestreckten Beinen, so dass ich mich kaum bewegen konnte und eingeklemmt war. Seit kurzem habe ich wieder eine akustische Erinnerung an das Stöhnen meiner Mutter, das ganz anders klang als sonst, irgendwie so wie wenn eine Kuh verenden würde. Ich kann es nicht besser beschreiben.

Was genau in dieser Szene vor sich ging, ist heute noch teilweise abgespalten. Ich weiß nur, dass es unbeschreiblich weh tat, wirklich buchstäblich höllisch weh. In einer Therapiestunde habe ich es einmal für kurze Zeit geschafft, die Schmerzen auch zu fühlen. Auch beim Schreiben dieses Textes kann ich es nicht fühlen; es würde mich sonst umbringen. Diese Szene kam erst ein Jahr nach den anderen zum Vorschein, als ich mit der Therapie begann (leider etwas später als notwendig). Es war in einer meiner allerersten Therapie-Stunden! Ich verlor in dieser Therapie-Stunde das Bewusstsein und kippte weg. Später kamen noch einige Details hinzu, wie sie mit den Fingern von hinten in mich eindrang, aber das ist alles, was ich darüber weiß. Der Rest ist weg. Auch viele meiner Gefühle sind weg, wie betäubt und gelähmt. Was davon da ist, ist einfach unbeschreiblich. Ich finde keine Worte dafür. Mein Therapeut meint dazu, dass ich damals in dieser Missbrauchs-Szene vielleicht tatsächlich das Bewusstsein verloren haben könnte und vielleicht deswegen einiges tatsächlich in der Erinnerung fehlt. Wenn das so war, dann habe ich mich auf jeden Fall vorher noch dissoziativ aufgespalten: ich flog erst in eine Zimmerecke und betrachtete von dort aus kurz die Szene, dann flog ich aus dem Zimmer, und dann war plötzlich alles weg, wie in einem schwarzen Kamin.

Das Wort, das meine Gefühle noch am besten beschreibt: ENTSETZEN. Wirklich nur noch E - N - T - S - E - T - Z - E - N .

Es war wie das Gefühl, bei lebendigem Leib ganz langsam durch einen Fleischwolf gedreht zu werden. Vor meinem Wegtauchen hatte ich Todesangst.

Was ich sicher wieder im "Normalmodus" erinnern kann, ist das Ende dieser Szene. Ich lag an einer anderen Stelle in einer anderen Lage und wusste im ersten Moment nicht mehr, was geschehen war. Meine Mutter sah etwas besorgt aus und meinte, dass ich das schon noch lernen werde, und dass es mir schon noch Spaß machen werde.

Sie wollte mir das weiterhin schmackhaft machen und "überredete" mich mit allen Mitteln, dass ich mich doch beim nächsten Mal ans Bett fesseln lassen sollte; das wäre angeblich unbeschreiblich toll.

Erst jetzt, viele Jahre nach dem Hochkommen der ersten Erinnerungen, spüre ich, was das wirklich bei mir auslöste. Wenn ich es als Furcht vor dem Tod beschreibe, trifft es immer noch nicht ganz. Ein normaler Tod im Bett wäre ein Himmel dagegen gewesen. Es war nicht einfach nur Panik, es war absolute Existenz-Panik. Es war die Vernichtung schlechthin.

Ich war lange unschlüssig, ob ich es doch meinem Vater erzählen und Hilfe holen sollte. Ich war jedoch unter derart hohem innerem Druck, dass ich es nach langen inneren Kämpfen irgendwann tat.

Ich weiß noch genau, wie diese Szene begann. Ich redete mit meinem Papa unter vier Augen, und begann damit, dass mich meine Mama gehauen habe. Darauf er halb belustigt, was ich denn wohl ausgefressen hätte. Darauf ich, dass sie mich nicht deswegen gehauen hat, sondern weil ich sie nicht gestreichelt habe. Darauf er noch belustigter, dass man deswegen doch ein Kind nicht haut, und was ich mir da wieder für eine Geschichte in meiner Phantasie ausgedacht hätte.

Um dieses Unverständnis zu überwinden, habe ich ihm dann doch einige Details erzählt, insbesondere wo an welcher Stelle des Körpers genau ich sie streicheln musste, obwohl ich das nicht wollte.

Daraufhin änderte sich sein Gesichtsausdruck total ins Ungläubige hinein. Ich musste auf Nachfrage bei verschiedenen Gelegenheiten an verschiedenen Stellen des Hauses immer mehr darüber erzählen, was bei ihm zu immer mehr Unglauben und zu Falten auf seiner Stirn führte. Diese Falten verhießen nichts Gutes, aber ich hoffte trotzdem inständig, dass er diese angedrohte Fesselung verhindern und ein Machtwort zu meiner Mutter sprechen würde.

Es lief aber ein wenig anders als ich gedacht hatte. Mein Vater ging mit mir zusammen mit Wut im Gesicht zu meiner Mutter, die gerade in der Waschküche arbeitete. Dort musste ich meine "Aussagen" wiederholen, wobei mich mein Vater streng anfunkelte, und mir meine Mutter total unbeschreibliche Blicke zuwarf, die wohl bedeuten sollten, dass ich nichts verraten dürfe. Ich ließ mich jedoch nicht beirren und wiederholte meine Aussagen. Darunter müssen auch solche gewesen sein, die ein Kind in meinem Alter nicht einfach phantasieren oder erfinden konnte. Meinem Vater muss klar geworden sein, dass ich nicht log. Trotzdem tat er so, als würde ich lügen. Ich blieb auch trotz seiner nun zunehmenden Bedrohung dabei, dass ich meine Mutter "da unten" gestreichelt hatte (was angeblich gar nicht wahr war), denn diese Bedrohung erschien mir geringer als das, was mir blühte, wenn mich meine Mutter ans Bett fesseln würde. Ausserdem hätte ich mit Sicherheit Prügel wegen "Lügens" bekommen, wenn ich meine Aussage widerrufen hätte. Den Vorwurf, dass ich meine Mutter anschwärzen und falsch beschuldigen würde, bekam ich ja heftig genug zu hören. Deswegen ging ich zur Vorwärts-Verteidigung über und widersprach den heftigen Abstreitungen und Lügen meiner Mutter und bekräftigte einige Details über das, was ich bei ihr tun musste. Irgendwann führte das zu entsetzten Reaktionen meines Vaters, und er ging weg. Meine Mutter schimpfte mich, aber ich konnte mich zum Glück unbehelligt verziehen. Ihre weiteren Versuche, mich unter Druck zu setzen, quittierte ich damit, dass ich meinem Vater noch mehr erzählen würde. Sie ließ mich dann auch einigermaßen in Ruhe.

Daraufhin redete mein Vater mehrmals mit meiner Mutter alleine. Es ging dabei offensichtlich sehr emotional zu. Ich bekam nur das Endergebnis dieser "Unterredungen" mit.

Das lautete, dass ICH an der ganzen Sache schuld war. Ich hatte meine Mutter angeblich verführt!

Weil ich das nicht akzeptieren wollte, wurde ich von ihm geprügelt. Er prügelte mich so lange und so heftig, bis ich seine vorgesagten Worte nachsprach und "zugab", dass ich sie angeblich verführt hätte.

Die zugehörigen Gefühle bei dieser Szene kommen erst jetzt so langsam zum Vorschein. Diese Szene war als eine der ersten am Jahresende 1998 hochgekommen (damals noch als Stummfilm), und mein Vater hat sie mir nach der Konfrontation im Frühjahr 1999 bestätigt und mir sogar den Ort genannt, nämlich das Wohnzimmer. Ich hatte diese Szene vorher mit einer ähnlichen Szene verwechselt, die sich im Gang beim Schuhschrank abgespielt hatte, wo er mich auch im Zusammenhang mit dieser Geschichte geschlagen hatte. Inzwischen glaube ich aber, dass die Szene möglicherweise im Gang begonnen haben könnte und er sie dann wegen des Lärms in das Wohnzimmer verlegt hat. Die besonders harten Schläge hat er im Wohnzimmer ausgeführt, da muss ich ihm im Nachhinein recht geben. Ich bin neulich in der Therapie zu Boden gegangen, als ich diese Szene in einer EMDR-Sitzung angegangen habe. Mir versagten die Beine, ich spürte die Schläge am Rücken und am Kopf, das Ziehen an den Haaren. Seinen drohenden und einschüchternden Tonfall. Mein physischer und psychischer Zusammenbruch.

Was mich an dieser Szene am meisten wurmt: ich wurde dabei von ihm umgedreht. Er schrie mich an, dass ich mit dem Lügen aufhören solle. Er prügelte mich so lange, bis ich etwas zugab, was ich gar nicht gemacht hatte! Siehe auch Gehirnwäsche.

Als Kind konnte ich die Reaktion meines Vaters überhaupt nicht verstehen und nachvollziehen. Nach dem Hochkommen der Erinnerungen konnte ich ihnen deswegen auch als Erwachsener zuerst nicht glauben! Ein vernünftiger Vater schlägt doch sein Kind nicht, wenn es von sowas berichtet. Sollte man zumindest meinen! Dieser scheinbar totale Widerspruch hat mich enorme Kräfte gekostet, bis ich ihn innerlich überwunden habe. Das kindliche Unverständnis hatte sich so tief in mein Gefühlsleben eingebrannt, dass ich meinen eigenen Erinnerungen nicht glauben konnte. Mein Therapeut hat mich darauf hingewiesen, dass die Situation aus Sicht meines Vaters schlicht und einfach Ehebruch war. Er hat mich offenbar im ersten Affekt wie einen "Nebenbuhler" behandelt, der in flagranti mit der Frau im Bett erwischt wird. Als Kind lag das aber vollkommen außerhalb jeglicher Nachvollziehbarkeit. Daher konnte ich mir auch keine Gegen-Erklärung zu seiner Gehirnwäsche aufbauen und sie durchschauen. Ich hatte gegen diese Art unfairer Einflussnahme nicht die mindeste Chance.

Das Schlimme an dieser Prügelszene war, dass auch meine Geschwister und meine Großeltern etwas von der ganzen Sache mitbekamen.

Möglicherweise hat auch der Nachbar, dessen andere Haushälfte nur durch dünne Wände abgetrennt war, etwas mitgehört. Die Prügelei meines Vaters muss ziemlich sicher durchhörbar gewesen sein. Er hatte sich regelrecht in Wut und Rage geprügelt und mir laut schreiend und einschüchternd vorgeworfen, was ich angeblich gemacht hatte und was ich ihm nachsprechen sollte.

Kurz darauf kam ich vom Regen in die Traufe. Im Dorf gingen Gerüchte um, dass ich angeblich bei meiner Mutter im Bett gewesen sei. Diese Gerüchte kamen angeblich aus dem Kindergarten, in den meine Schwestern gingen.

Bei der nächsten Schülermesse sollte ich wie üblich ministrieren. Mein Mit-Ministrant Martin fing jedoch auf einmal an, über mich herzufallen und mich zu verspotten, dass ich bei meiner Mutter im Bett gewesen sei. Ich werde seinen feixenden Gesichtsausdruck mein Leben lang nicht mehr vergessen (ich erschrecke heute noch, wenn jemand auf ähnliche Weise grinst). Sein Großvater war Mesner und drang auf ihn ein, dass er mit diesem Unsinn doch aufhören solle. Als dann der Pfarrer kam, um die Messgewänder anzuziehen, fing der Martin aber doch wieder damit an. Der Pfarrer wollte dann von mir wissen, was da los sei, er habe auch etwas davon gehört. Ich wollte ihm dazu etwas sagen, weil ich mir von ihm die letzte Rettung erhoffte. Er schickte den Ministranten und den Mesner aus der Sakristei hinaus, und ich erzählte ihm dann etwas. Was das genau war, weiß ich bis heute nicht, weil ich diese Szenen wie einen sehr lebhaften Stummfilm vor Augen habe, bei dem der Ton jedoch vollständig fehlt. Ich weiß, dass ich einige Details dazu direkt nach dem Hochkommen der Erinnerungen hatte, die ich jedoch nicht aufgeschrieben habe und die mir deswegen heute fehlen.

Er war sehr entsetzt. Er war sogar so entsetzt, dass ich das Ministranten-Gewand wieder ausziehen musste und die Messe mit Verspätung anfing. Ich fühlte mich wie der größte Verbrecher.

Kurz darauf kam er zum angekündigten Besuch zu uns nach Hause, vor dem ich unglaubliche Angst hatte. Meine Mutter legte extra ein frisch gebügeltes weißes Tischtuch für den Herrn Pfarrer auf, damit er auch einen guten Eindruck von der Familie bekam. Der Pfarrer erklärte mir dann einiges über Inzest und andere Fachbegriffe, die ich nicht kannte. Er erklärte mir, was das war, z.B. wenn ich Geschlechtsverkehr mit meiner Schwester hätte (was für mich aber völlig unvorstellbar war) und ähnliches. Das fand ich ja noch halbwegs interessant. Vielen anderen Teilen seiner Rede und seinen Belehrungen hörte ich aber gar nicht richtig zu, weil ich teilweise weggetreten war und nur noch in Ruhe gelassen werden wollte.

Richtig mulmig wurde mir, als er mir erklärte, dass der Inzest, den ich bei meiner Mutter begangen hätte, eine schwere Sünde sei, die ich beichten müsse. Sie müsse das auch beichten. Ich war zwar noch nicht bei der Erstkommunion, aber bei der Frühkommunion, zu der ich schon ein Jahr früher durfte, weil ich bei ihm vorher eine Einzelprüfung abgelegt und einige Sprüche aus einem kleinen Büchlein auswendig gelernt hatte. Er erklärte mir jedenfalls, dass ich nur dann weiter an der Kommunion teilnehmen dürfe, wenn ich meine Sünde gebeichtet hätte, und dass ich mit dieser Sünde, die alle Leute im Dorf ja nun kannten, auch kein Ministrant bleiben könne.

Ich wollte aber nicht beichten gehen und weigerte mich. Den folgenden Hinauswurf aus der Ministranten-Gruppe bekam das gesamte Dorf mit. Meine Mitschüler in der Schule verlachten und verspotteten mich als einen, der bei seiner Mutter im Bett war und es mit ihr trieb. Auch der Nachbar zwinkerte mir so komisch zu, als sei ich ein besonders schlitzohriger Spitzbub.

Meine Großeltern setzten mich unter Druck, damit ich beichten ging. Angeblich war das, was ich da gemacht hatte, eine Todsünde. Dieser Begriff wurde für mich der Inbegriff des Schreckens schlechthin. Es war der erste Begriff, der bei meiner späteren Wiedererinnerung hochkam. Es war, als hätte ich nicht nur mein Leben verwirkt, sondern jegliche Chance auf eine Existenzberechtigung.

Ich wollte aber trotzdem nicht beichten. Zum ersten Beicht-Termin ging ich einfach nicht hin, was mir auch prompt heftige Ermahnungen und Vorwürfe einbrachte. Die Beichte "klappte" dann aber doch noch: ich weiß noch, wie mich meine Oma zu der Zwangsbeichte zu einem Sondertermin nach der normalen Schülerbeichte begleitete, oder besser: regelrecht in den Beichtstuhl hineinschob. Ich kann mir das heute nur so erklären, dass sie offenbar die Geschichte vor dem ganzen Dorf durch dieses Ritual bereinigt haben wollte.

Für mich war das aber kein einfaches Ritual. Für mich war das todernst. Ich blieb im Beichtstuhl stumm. Ich habe die Szene (wie viele andere auch) so in Erinnerung, als stünde ich außerhalb meines Körpers und betrachtete mich von außen. Immerhin wurde mir vorgeworfen, schwer "gesündigt" zu haben. Und zwar von der höchsten Autorität des Dorfes, des Stellvertreters Gottes auf Erden (wie er uns immer wieder im Religionsunterricht erklärte). Er wusste ja einiges, was ich ihm erzählt hatte. Vermutlich hatte meine Mutter durch ihre Beichte einiges behauptet, was nicht unbedingt stimmen musste. Ich sollte bereuen, dass ich dabei angebliche Lust empfunden hätte. Dann würde mir auch Gott verzeihen. Dabei wusste ich in diesem Alter noch gar nicht, was "Lust" in diesem Sinne überhaupt ist (ich kannte nur Lust auf Süßigkeiten oder dergleichen). Wegen meiner Stummheit begann der Pfarrer, mir vorzusprechen, was ich nur noch hätte nachsprechen sollen. So sollte ich unter anderem den Satz "ich habe Inzest begangen" sagen. Als ich das nicht tat, probierte es der Pfarrer mit anderen Sünden, die ich leichter nachsprechen konnte. Alle seine "Bemühungen" nützten jedoch nicht. Den entscheidenden Satz brachte ich nicht heraus.

Die Beichte wurde ergebnislos und ohne Absolution abgebrochen, weil ich den Mund nicht aufmachte. Er ging dann mit mir in die Sakristei, um mich über die Folgen der nicht erteilten Absolution "aufzuklären". Er redete mir schwer ins Gewissen, und ich durfte nicht mehr ministrieren und nicht mehr an der Kommunion teilnehmen. Das ganze Dorf erfuhr das. Eine Zeitlang fuhren meine Eltern mit mir sonntags in eine nahe gelegene Stadt zum Kirchgang, wo ich trotzdem kommunizieren durfte, weil wir dort nicht bekannt waren. Dabei hatte ich entsetzliche Gewissensbisse.

Irgendwann später änderte der Pfarrer von selbst seine Meinung (vielleicht hatte er mit jemandem aus dem Dorf oder von außerhalb gesprochen?). Er erklärte mir dann, dass ich in meinem Alter noch gar nicht fähig zur Sünde sei, und dass ich auch wieder in die Ministrantengruppe aufgenommen werde. Eine zeitlang kümmerte er sich sogar besonders um mich. Meine Mutter hatte ja auch gebeichtet, und damit war die Sache aus seiner Sicht vergeben und vergessen.

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Irgendwann klingelte die Polizei an der Tür.

Ich weiß noch genau, wie das Polizeiauto aussah (ein VW-Bus), weil ich alles genau beobachtet hatte. Bevor sie zu uns kamen, waren sie erst beim Pfarrer und beim Nachbarn. Für mich war das Erscheinen der Polizei in dem kleinen Dorf ein besonderes Ereignis, das ich zuerst gar nicht mit meiner Geschichte in Verbindung brachte. Sobald jedoch meine Oma bemerkte, dass die Polizei kam, geriet sie in Aufregung und führte mich schnell durch den Hinterausgang hinaus. Ich musste den Rest dieses Tages bei einer Bekannten verbringen. Die Polizei kam mehrmals an mehreren Tagen. Es gab verschiedene Theorien darüber, wer sie gerufen und anonyme Anzeige erstattet hatte. Ich dachte zuerst, dass die Polizei wegen meiner Verfehlungen käme und mich ins Gefängnis stecken wollte, und mich meine Oma davor gerettet hätte.

Sie beschäftigten sich jedoch sehr intensiv mit meinen Eltern, ohne dass ich den Grund dafür kannte. Ich wusste ja noch gar nicht, dass nicht ich, sondern meine Mutter eine strafbare Handlung begangen hatte. Zum Schluss sollte auch ich vernommen werden, nachdem auch meine total verschüchterte Schwester etwas gefragt worden war, sie aber nur in Weinen ausbrach.

Ich wurde vorher auf diese Szene ausgiebig vorbereitet und fürchterlich unter Druck gesetzt, dass ich aussagen sollte, dass ich zwar im Bett meiner Mutter gewesen wäre (wie die Gerüchte behaupteten), dort aber nur harmlos gespielt hätte. Ich wollte aber nicht lügen. Meine Oma redete mir ins Gewissen, dass meine Mutter ins Gefängnis müsste und ich ins Heim, wenn ich der Polizei das "Falsche" sagte. Mir war das aber egal. Schließlich hieß es ja auch, dass man nicht lügen darf (sonst hätte ich wieder zur Beichte müssen). Und vor dem Heim hatte ich weniger Angst als weiter so einen Zirkus mitzumachen.

Schließlich hat mich mein Vater vor dieser Polizei-Vernehmung mit einem Trick herumgekriegt: er zeigte auf die Milchflasche meines neugeborenen Bruders. Ich solle mir vorstellen, wie mein kleiner Bruder nach Milch von seiner Mama schreit und Hunger hat, die aber sitzt im Gefängnis, und ich bin Schuld daran. Das wirkte.

Die Vernehmung lief nach meiner Rekonstruktion etwa so ab: Nach langem Warten wurde ich ins Wohnzimmer geführt. Dort waren mehrere Uniformierte, teilweise an der Wand lehnend (weil es nicht genug Stühle gab). Ich wurde mit "Sie" angeredet (was mich noch mehr verängstigte und verunsicherte), und dass ich die Aussage auch verweigern könne.

Das schien meine Rettung! Ich brachte kein Wort heraus, nur dieses eine Wort "verweigern". Darauf herrschte einige Betroffenheit. Mein Vater redete mir gut zu, so als wäre er ein liebevoller Vater, der sich um sein Kind kümmert. Ich brauche doch keine Angst zu haben und soll den Polizisten doch erzählen, dass es ja nur ein Spiel war. Na gut, dann sagte ich doch etwas. Leider das "Falsche": nämlich dass ich gar nicht im Bett meiner Mutter war. Das stimmte ja schließlich auch. Nur passte das nicht ins Konzept meines Vaters. Der wurde daraufhin nochmals von einigen Polizisten in die Verhör-Zange genommen, denn das konnte nach deren Ansicht nicht stimmen, weil es ja von meinen Schwestern im Kindergarten herumerzählt worden war. Mein Vater kam in die Zwickmühle und log, dass sich die Balken nur so bogen. Ich sagte nichts dazu. Meine Mutter war die ganze Zeit stumm, hatte aber einen Gesichtsausdruck, den ich mein Lebtag nicht mehr vergessen werde. Mein Vater revidierte mehrmals einige seiner Behauptungen vor und zurück, als ihn mehrere Polizisten nochmals mit Widersprüchen verschiedener Aussagen von verschiedenen Leuten konfrontierten. Zum Schluss lief es jedenfalls darauf hinauf, dass alles nur ein Spiel im Bett meiner Mutter gewesen sei. Ich brauchte dem nur noch zuzustimmen, was ich erleichtert tat.

Ich war so erleichtert wie noch nie, dass ich nicht von der Polizei mitgenommen wurde. Einer der Polizisten ging dann noch mit mir auf den Dachboden in mein Zimmer. Er interessierte sich leider nicht für meine tollen Spielsachen, sondern wollte wissen, welches mein Bett war und wer in dem anderen Bett daneben schlief. Ich antwortete wie mir meine Mutter vorher eingeschärft hatte, dass das Bett für meinen kleinen Bruder vorgesehen war. Heute weiß ich, dass das eine Verdrehung meiner Mutter war, denn er würde in dieses Bett frühestens mit der Einschulung kommen. So war es später dann auch, doch kurz nach seiner Einschulung wohnten wir bereits in einem anderen Haus, wo er ein eigenes Zimmer bekam.

Der Rest der Geschichte ist eine von Vertuschung: als die Polizei ergebnislos abgezogen war und nur noch ab und zu eine "Tante" vom Jugendamt vorbeischaute, mit der ich immer schön spielen musste, hörten die Gerüchte im Dorf auf. Mein Vater instruierte mich genau, was ich den Leuten sagen sollte, falls einer doch noch einmal auf das Thema zu sprechen käme, was aber bis auf eine einzige Ausnahme nie mehr der Fall war. Heute vermute ich, dass diejenigen, die die anonyme Anzeige gemacht hatten und mir dabei in Wirklichkeit helfen wollten (was ich nur leider nicht wusste), total beschämt waren, dass sie meine scheinbar doch so ehrbaren Eltern mit einem "falschen Verdacht" ins Zwielicht gebracht hatten.

Die Geschichte kochte in den Sommerferien noch einmal hoch, als ich zur Erholung in ein Ferienheim der Caritas geschickt wurde. Gegen Ende meines Aufenthaltes kam leider einer von den Dorfbuben dort auf Besuch vorbei und verbreitete die Gerüchte auch unter den dortigen Kindern. Daraufhin wurde ich von meinen neugewonnenen Freunden geschnitten und gemieden. Die Leiterin des Heims lud mich vor. Da sie so streng guckte und nichts mit dieser "Schweinerei" zu tun haben wollte, sagte ich nichts (total eingeschüchtert und verstockt war ich sowieso). Leider hatte ich vorher meiner Betreuerin doch ein klein wenig erzählt, weil ich zu ihr Vertrauen gefasst hatte und Schutz vor den Angriffen der anderen Kinder suchte. Das wurde mir nun zum Verhängnis. Die Betreuerin wurde von der Leiterin zusammengestaucht, weil sie das nicht gleich weitergemeldet hatte. Ich musste beim Duschen extra bleiben und durfte erst dann den Raum betreten, wenn alle anderen Kinder fertig waren. Ich durfte an der Abschluss-Feier nur eingeschränkt teilnehmen und wurde von allen Kindern gemieden, verlacht und verspottet.

Bei der Rückkehr von dieser "Erholung" wurde ich von meinen Eltern vom Bahnhof der weiter entfernten Kreis-Hauptstadt mit dem Auto abgeholt. Ich durfte mir zur "Belohnung" so viele Bücher aus der Buchabteilung eines Kaufhauses aussuchen, wie ich wollte. Ein Großteil der von mir gewünschten Kinderbücher wurde jedoch von meiner Mutter abgelehnt und durch andere ersetzt, die ihr geeigneter erschienen. Fünf davon habe ich heute noch; zwei davon sind die ersten, die ich tatsächlich selber ausgesucht habe. Abschließend gingen wir in die Cafeteria essen, was für mich ein riesiges Erlebnis war, das nur selten vorkam. Dort sagte mir meine Mutter, dass sie mir verziehen hätte, und dass ich ihr auch verzeihen sollte (vgl. Verdrehungen). Mein Vater sagte mir zu, dass ich nichts mehr von ihr zu befürchten hätte. Falls sie wieder etwas von mir wolle, solle ich es ihm sagen, er würde sich dann darum kümmern. So war es dann auch tatsächlich: meine Mutter ließ mich bis auf einen kurzen Rückfall-Versuch in Ruhe, als ich etwa 12 Jahre alt war. Diese kurze Episode war aber schnell zu Ende, als ich meinem Vater davon erzählte.

In dieser "Besprechung" in der Kaufhaus-Cafeteria und in einer nachfolgenden zu Hause wurde quasi beschlossen: ein für allemal Schwamm drüber und vergessen.

Ansonsten wurde nie mehr über das Thema geredet. Es geriet bei mir in absolute Vergessenheit. Ich wollte auch nie mehr daran erinnert werden.


Die Wiederaufdeckung als Erwachsener

Disclaimer: auch diese Geschichte gibt mein subjektives Erleben wider und erhebt keinen Anspruch auf Objektivität

Zum Jahresende 1998 ging meine Frau mehrmals auf Wochenend-Tagungen. Normalerweise hätte ich unsere beiden damals einjährigen Kinder beaufsichtigt, doch bei mir ging es am Freitag nicht wegen meiner Arbeit, und an einem der Samstage hatte ich ebenfalls einen Termin. Daher sollte meine Mutter einspringen. Ich war total beunruhigt deswegen, kannte den wahren Grund aber nicht, sondern hatte einfach nur ein scheußliches Gefühl im Bauch (wie schon öfters vorher, wenn meine Mutter Kontakt zu den Kindern hatte) und war absolut dagegen. Doch es nützte nichts. Meine Frau wurde sehr unsanft, wenn ich wagte, ihr die Beaufsichtigung durch meine Mutter ausreden zu wollen.

Meine Mutter kam also aus rund 100km Entfernung angereist, um die Kinder zu beaufsichtigen. Beim ersten Mal war es so bitter kalt, dass ihr altes Auto nicht ansprang, als sie wieder heimfahren wollte. Ich kam direkt von der Arbeit und fuhr schnell mit ihr in einen Supermarkt, um Starthilfekabel zu besorgen, da ich keine hatte. Sie fuhr mit, und unterwegs machte sie eine Bemerkung zu mir, die mir die Galle hochsteigen ließ. Ich war direkt von der Arbeit gekommen und schnell noch einmal ins Auto gestiegen, ohne vorher auf dem Klo gewesen zu sein. Als ich unterwegs sagte, dass ich eigentlich dringed aufs Klo müsste, sagte sie mit so einem unterschwellig jovial-pseudoverschwörerischen Tonfall, dass wir ja gleich beim nächsten Busch anhalten könnten, denn soooo kalt ist es draußen ja nicht. Dazu ein feixender Gesichtsausdruck, der mich anwiderte. Ich ließ mir jedoch nichts anmerken, besorgte die Kabel, gab Starthilfe und war heilfroh, als sie endlich weggefahren war.

Später dachte ich noch lange darüber nach, was mich an diesem doppeldeutig-schlüpfrigen Spruch aus der Kategorie der Stammtisch-Witze derart aufregte, kam aber nicht darauf. Ich hatte nur eine fürchterliche Wut auf meine Mutter, was sie sich da so scheinbar selbstverständlich herausnahm. Dass es einen bitterernsten Hintergrund hatte, war mir in diesem Moment noch nicht bewusst, aber es gärte in mir.

Als ich beim nächsten Kinderbetreuungs-Wochenende abends heimkam, hatte meine kleine Johanna eine dreieckförmige Wunde seitlich über den Lippen auf der Wange. Angeblich sei sie laut meiner Mutter mit dem Gesicht auf die Heizung gefallen, aber das kam mir nicht ganz plausibel vor. Die Form der Wunde war wirklich seltsam, wie mit einem Messer ausgestanzt. Der Heizkörper hat aber nur abgerundete Ecken. Später entwickelte sich aus dieser Wunde eine Infektion, die sich über das gesamte Gesicht des Kindes ausbreitete und mit Penicillin und Zinksalbe behandelt werden musste. Ich war unterbewusst in höchstem Maß wegen meiner Kinder alarmiert. Mein Unterbewusstsein rebellierte dagegen, dass sich eine Wiederholung dessen abzeichnete, was ich als Kind erlebt hatte. Ich wollte meine Kinder dagegen schützen. Mein eigenes psychisches Gleichgewicht war plötzlich der geringere Wert, den ich nicht mehr um jeden Preis aufrechterhalten musste. Der Preis meiner Kinder war einfach zu hoch.

Kaum war meine Mutter an jenem Abend weg und die Kinder im Bett, da ging es los.

Die Erinnerungen kamen, und wie.

Unkontrollierbar, wie ein Vulkanausbruch. Es riss mich förmlich um.

Zuerst kam die Szene mit dem Pfarrer hoch, wie er mir den Fachausdruck mit dem Inzest erklärte. Die eingepflanzten Schuldgefühle waren plötzlich da und rissen mich zu Boden. Ich dachte, verrückt zu werden und im Boden zu versinken vor Schuld und Scham und kramte im Gedächtnis, wie es nur sein konnte, dass mich der Pfarrer so einer Ungeheuerlichkeit beschuldigte. Minuten später kam die eigentliche Missbrauchs-Szene hoch. Es war wie ein Film, den ich nicht mehr stoppen konnte. Wie wenn ich alles nochmals erlebte. Es war so real und ungeheuerlich, wie wenn ich es gerade erst erlebt hätte. Und es war ungefiltert, aus der Sicht von mir als Kind, ohne Erwachsenen-Interpretation.

Dann ging es Schlag auf Schlag, es kamen mehr und immer mehr Erinnerungen hoch. Es war, als wäre ein Staudamm gebrochen. Alles wurde überflutet. Ich wurde von den Fluten beinahe weggerissen und schwamm so gut es ging.

Später sagte mein Therapeut dazu, dass er mir ohne weiteres die Diagnose PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) bescheinigen könne, wenn ich bei der Arbeit eine Krankmeldung bräuchte (allerdings vergibt er normalerweise keine Diagnosen).

An diesem Abend konnte ich nicht mehr einschlafen. Etwa gegen ein Uhr nachts dachte ich, dass ich mich irgendwie abreagieren und das irgendwie verarbeiten muss, bevor es mich innerlich zerriss. Ich setzte mich an den Computer und fing an, einen Brief an meine Mutter zu schreiben. Das schien mir der einzige Weg zu sein, mein Gleichgewicht wieder zu finden. Irgendwie raus mit den belastenden Erinnerungen, egal wie. Auch wenn nur in schriftlicher Form. Zu etwas anderem war ich sowieso nicht fähig. Auch heute kann ich manche Dinge nur schriftlich ausdrücken und schaffe es nicht, darüber zu reden. Damals konnte ich überhaupt nicht reden. Heute ist mir klar geworden, dass ich in jener Nacht von einem Trigger zum nächsten und von einem dissoziativen Zustand in den anderen umkippte, als ich den Brief schrieb. Ich schrieb mehrere Stunden, fast die gesamte Nacht hindurch. Während des Schreibens kamen immer neue Erinnerungen und Details hoch, die ich sofort wie ein Besessener aufschrieb. Die Originalfassung, die in dieser Nacht entstand, habe ich heute leider nicht mehr, aber die erweiterte Fassung, die im Laufe der folgenden Woche entstand. Sie hat 10 Seiten in kleiner 10-Punkt-Schrift. Die obige Schilderung meines Missbrauchs ist eine stark komprimierte und bereits einigermaßen verarbeitete Zusammenfassung der wichtigsten Erinnerungen aus diesem Brief und von weiteren Erinnerungen, die später hinzukamen. Damals war alles noch roh und unverarbeitet. Am Anfang kamen auch heftige Gefühle hoch, die ich später sehr stark abwehrte und dann kaum noch empfinden musste.

Als meine Frau am Sonntag Abend von der Tagung heimkam, sagte ich zu ihr, dass ich ihr etwas Wichtiges zeigen muss, und ob sie Zeit hätte. Etwas widerwillig setzte sie sich zu mir auf das Sofa. Ich gab ihr stumm den Brief zu lesen. Sie las und fing an, das Gesicht zu verziehen und immer stärker den Kopf zu schütteln. Schließlich legte sie den Brief weg und fragte ärgerlich, ob ich vorhätte, den Brief abzuschicken. Mir war es Ernst, weil mich die Erinnerungen und Gefühle quälten und schier umbrachten, und ich bejahte. Darauf meinte sie lapidar, wenn ich es mir unbedingt mit meinen Eltern verderben wolle, dann könne ich den Brief doch abschicken. Sie war sauer auf mich. Das war ihre erste Reaktion, und damit war es für sie fürs erste erledigt. Sonst nichts. Keine Spur von Verständnis oder Mitleid mit mir als kleinem Kind. Ich fühlte mich noch beschissener als vorher.

Dennoch konnte ich meine Erinnerungen nicht wahrhaben. Ich bekam fürchterliche Panik, dass sie nicht stimmen könnten und ich meine Mutter vielleicht falsch beschuldigen würde. Ich fühlte mich wie ein Verbrecher. Doch die Erinnerungen waren andererseits so klar, plastisch und gleichzeitig schrecklich und unaushaltbar, dass es mich umgebracht hätte, wenn ich sie nicht geklärt und überprüft hätte. Ein Teil von mir rebellierte und wollte nicht wahrhaben, was das für Erinnerungen waren. Ich hoffte insgeheim, es würde sich herausstellen, dass meine Erinnerung nicht stimmte und alles nur ein böser Traum war. Eine andere Seite in mir hätte es mir selbst nie verziehen, wenn ich das einfach auf sich beruhen hätte lassen wollen (Verrat an mir selber). Diese Spannung zerriss mich beinahe. Ich konnte in dem Zustand nicht mehr leben, in den ich geraten war.

Anfang Januar 1999 schickte ich eine deutlich überarbeitete und total entschärfte Fassung des Briefes ab, in der ich versuchte, alles Erinnerungsmaterial nur als Erinnerung zu schildern, die ich selbst kaum glauben konnte und wissen wollte, ob das denn überhaupt wahr sein könne. Ich versuchte, keine Tatsachen-Behauptungen aufzustellen, sondern Fragen an meine Eltern zu stellen.

Ich schickte den Brief gegen den heftigen Widerstand meiner Frau ab.

Obwohl ich mich dabei äußerst unwohl fühlte und Angst vor den Reaktionen meiner Eltern hatte.

Aber ich konnte nicht anders, ich musste das tun. Sonst wäre ich total verrückt geworden. Meine innere Spaltung war so heftig, dass ich nicht anders konnte.

Zwei Wochen lang blieb es total ruhig, scheinbar geschah nichts. Dann rief mich meine Frau eines Tages bei der Arbeit an, dass meine Mutter dagewesen war. Auf den Brief angesprochen, hatte sie nur lakonisch gesagt, dass er schon gut geschrieben sei. Ich dachte, ich höre nicht recht. Wie bitte? Ja, einfach nur "gut geschrieben". Was mir darauf schwante, sollte sich später als wahr erweisen.

So schnell wie möglich kam ich heim und wollte näheres wissen. Meine Frau erzählte ausführlich, was es zu erzählen gab: meine Mutter war auf der Durchreise zu meiner Schwester unangemeldet vorbeigekommen und hatte zwei Briefumschläge abgegeben, auf denen stand: "für die Kinder von Thomas", das "Thomas" doppelt unterstrichen. Als meine Frau sagte, dass sie wisse, dass ich ihr einen Brief geschrieben habe, antwortete meine Mutter nach den Worten meiner Frau, dass der Brief schon gut geschrieben sei. Meine Frau fragte nochmals, erhielt aber die gleiche Antwort. Das war im Wesentlichen alles. Meine Mutter war nur wenige Minuten dagewesen und gleich darauf wieder gegangen.

Mir schwante fürchterliches. Die Wahrheit war nun kaum noch zu leugnen. Mit starkem Herzklopfen und Schweiß an den Händen öffnete ich die Briefe und erschrak: es waren jeweils 500 Mark darin.

Da ich es selbst kaum fassen konnte, zeigte ich den Briefinhalt meiner Frau. Das Gesicht, das sie daraufhin machte, werde ich mein Lebtag nie mehr vergessen. Erst fiel ihr der Kinnladen herunter. Dann ging ihr ein Erleuchtungsblitz über das Gesicht. In diesem Moment muss ihr klargeworden sein, dass ich nicht log, und dass meine in den Briefen geschilderten Erinnerungen stimmen mussten. Ihr muss klargeworden sein, dass ich als Kind wirklich sexuell missbraucht worden bin. Dann sah sie mich mit einer derartigen Verachtung im Blick an, dass es mir den Atem nahm und eine Welt in mir zusammenbrach. Ich werde diesen abschätzigsten aller Blicke nie vergessen, den ich in meinem Leben bekam. Genau kann ich ihn nicht beschreiben, doch er war mit einer Art "Schadenfreude" (eine Art halbes Grinsen) vermischt. Wenn ich den Blick in Worte fassen wollte, käme so etwas heraus wie "hab ich doch schon immer gewusst, dass man mit diesem Typen sowas treiben kann" bzw. "...dass der sowas mit sich machen lässt". Ich erschrak bis in mein tiefstes Inneres über diese Reaktion und den Zustand meiner Partnerbeziehung, denn ich hätte eigentlich irgendeine Form von Mitfühlen erwartet und in diesem Augenblick auch dringend gebraucht. Ich glaube, in diesem Moment fiel halb unbewusst in mir die Vorentscheidung, mich von dieser Frau zu trennen. Ich spürte instinktiv, dass sie nicht zu mir hielt, wenn ich sie einmal brauchte, und mich ansonsten nur ausbeutete. Dieses Halbwissen und die damit verbundenen Gefühle machten mich zusätzlich fertig.

Als ich am darauffolgenden Samstag wieder einmal die Kinder hütete, weil meine Frau wieder auf einer Tagung war, klingelte das Telefon. Mein Vater war dran. Was mir wohl einfiele, einen solchen Brief an meine Mutter zu schreiben. Er habe ihn gelesen, würde sich aber nicht trauen, ihn meiner Mutter zu zeigen, so schlimm sei sein Inhalt. Ich darauf total verdattert, dass das nicht sein kann, dass sie den Inhalt doch kennen muss. Er beharrte darauf, dass sie den Brief bisher noch gar nicht gelesen hätte, und dass er es nicht übers Herz brächte, ihr den Brief zu zeigen. Darauf wurde ich wütend über seinen Versuch, mich zu verschaukeln und konfrontierte ihn mit der Aussage meiner Frau, wonach sie den Inhalt sehr wohl kannte und sogar gesagt hatte, dass der Brief gut geschrieben sei. Und dann noch das Geld in den Briefumschlägen, von dem er aber gar nichts wusste. Als ich auf den Aussagen meiner Frau bestand, wurde er etwas kleinlaut und sagte, dass er mit meiner Mutter darüber reden muss. Ich wollte wissen, ob er denn schon mit ihr über den Brief geredet habe. Er verneinte und meinte dann kleinlaut, dass sie vielleicht doch ein paar Teile davon gelesen haben könnte, der Brief läge ja da, aber so schrecklich was ich ihr da vorwerfen würde, das sei ja ungeheuer ....

Er beendete das Telefongespräch und meinte, dass es wohl besser wäre, wenn sie selber mit mir redete.

Einige Tage später kam dann der Telefonanruf von ihr.

Dieses Gespräch war der absolute Hammer meines Lebens.

Als meine Frau mitbekam, dass meine Mutter anrief, verließ sie das Zimmer.

Meine Mutter spulte offensichtlich Worte herunter, die sie sich offenbar vorher gut zurechtgelegt hatte. Sie trafen mich wie Faustschläge.

Ihre ersten Worte waren, dass sie weiß, dass sie es nie wieder gutmachen kann, und dass ich ihr das gleiche vorwerfe, was sie jahrelang ihrer Mutter nachgetragen hat.

Ich konnte daraufhin kaum noch zuhören. Die Hälfte rauschte an mir vorbei. Ich war bis ins Innerste geschockt. Wahrscheinlich war ich so heftig getriggert, dass ich in einem anderen Zustand war, aus dem ich mich damals nicht selbst herausholen konnte. Sie versuchte sich damit zu entschuldigen, dass sie genau weiß, dass sie sich nicht dafür entschuldigen kann. Weiter sagte sie, dass auch meine Geschwister betroffen seien. Heute vermute ich, dass sie damit alle meine Geschwister meinte, was ich damals jedoch nicht glauben / wahrhaben konnte und es so interpretierte, dass außer mir nur ein einziges weiteres Geschwister betroffen sei. Sie redete jedoch ausdrücklich in der Plural-Form.

Auf meine Unterbrechungs-Frage, welche Geschwister das seien, kam nur eine ausweichende Antwort. Diese Unterbrechung kam in ihrem Konzept nicht vor, und sie ging wieder zu ihrem "Manuskript" über. Dem konnte ich aber nicht mehr zuhören. Ich war so geschockt und fertig, dass ich um Aufhören bat, und ob wir das Gespräch irgendwann anders fortsetzen könnten. Sie stimmte dem erleichtert zu. Heute ärgere ich mich darüber, dass ich die Gunst dieser einmaligen Gelegenheit nicht genutzt habe, um mehr zu erfahren. Leider kam es später zu keiner weiteren Aussprache mehr über Details. Das einzige, was mir später indirekt von ihr durch meinen Vater ausgerichtet wurde und nochmals von ihr selbst kurz und bündig bestätigt wurde, war, dass meine Erinnerungen haargenau stimmen würden, alles ganz genau bis aufs Detail.

Ich war wie gelähmt. Meine gesamte Abwehr war zusammengebrochen. Es gab nun nichts mehr zu leugnen. Meine gesamtes Weltbild, in dem ich 30 Jahre lang gelebt hatte, war mit einem Schlag zusammengebrochen. Ich fühlte mich wie nach einem Atombombenangriff.

Ich wollte mit meiner Frau reden, doch die fuhr mich nur an, dass ich sie in Ruhe lassen solle, ob ich denn nicht sehe, dass sie gerade arbeitete. Ich konnte nicht mehr und ging hinaus in den Park, um mich durch Laufen etwas abzureagieren.

In der Folgezeit schlitterte ich immer tiefer in eine Dekompensation. Auf den Rechnungen meines Therapeuten stand später als Diagnose "reaktive Depression", aber das trifft es nicht ganz. Es war mehr als nur eine Depression. Ich veränderte mich psychisch. Ich konnte soziale Kontakte kaum noch ertragen, schottete mich ab. Gab alle ehrenamtlichen Tätigkeiten auf und ging nie mehr zur Kirche. Ich fühlte mich wie ein Aussätziger, der keine Berechtigung mehr hatte, in der Gesellschaft zu leben. Ich wurde vorsichtig und empfindlich. Hinzu kamen immer wieder heftige Erinnerungs-Rückblitze - ohne mich dagegen wehren zu können. Heute ist klar, dass ich in die Spätphase einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) geraten war.

Ich beschaffte mir Literatur über Missbrauch und schrieb noch einige weitere Briefe an meine Eltern, die aber nicht direkt beantwortet wurden. Irgendwann rief mein Vater an und begann zu heulen. Er wäre es nicht wert, mein Vater zu sein. Ich solle ihn sonstwas heißen. Er wolle alle seine Ämter und Posten im Dorf aufgeben. Ich war nicht fähig, viel darauf zu antworten.

Meine Frau wurde immer aggressiver. Sie beschwerte sich über mich bei ihren Freundinnen, etwa dass ich eigentlich in die Psychiatrie gehöre, und dass ihre Freundinnen ihr da beipflichten würden und das auch so sehen. Sie wollte die Kinder weiter von meiner Mutter betreuen lassen und machte mich dafür verantwortlich, dass sie nicht mehr zu ihren Tagungen könne wenn ich das nicht zulassen würde. Auch sonst war ich nach ihren Worten ein totaler Versager auf allen Ebenen, ein Waschlappen, wie sie mir einmal in dieser Zeit vorwarf.

Als sie einmal am Wochenende mit den Kindern bei ihren Eltern war (als "Erholung" von meiner kaum noch auszuhaltenden Gesellschaft) und ich mit ihr telefonierte, war ein Film über Missbrauch im Fernsehen angekündigt. Gerade wollte ich ihr davon erzählen, da hörte ich meine Schwiegermutter im Hintergrund durch das Haus schreien, dass sie mir unbedingt sagen solle, dass der Film über Missbrauch gleich im Fernsehen käme. Ihre Mutter wiederholte sogar zweimal, dass sie das unbedingt mir sagen solle, als meine Frau das Gespräch mit mir unterbrochen hatte und auch ihr nicht sofort antwortete. Ich war daraufhin heftig geschockt, dass sie entgegen unserer Abmachung ganz offenkundig ihren Eltern etwas über meinen Missbrauch weitererzählt hatte, und stellte sie sofort zur Rede. Sie geriet ins Stottern und brach das Telefongespräch hektisch ab. Später an diesem Abend präsentierte sie mir eine Ausrede, wie diese Situation angeblich zustande gekommen sei. Am nächsten Tag gab es nach Rücksprache mit ihrer Mutter eine ganz andere Ausrede. Angeblich hatte sie ihren Eltern nichts von meinem Missbrauch erzählt. Da sie fast jeden Tag mit ihrer Mutter telefonierte und dabei haarklein sämtliche Alltags-Details und Vorkommnisse minutiös weitererzählte, war das für mich alles andere als plausibel. Später gab es noch eine dritte Version der Ausrede: angeblich hatte ich alles total falsch gehört und bildete mir etwas ein, was überhaupt nicht stimmen würde und von mir erfunden worden sei. Ich bestand aber auf dem, was ich mit eigenen Ohren gehört hatte. Darauf kam eine weitere Variante: angeblich hätte ihre Mutter gar nicht mich gemeint, dass ich über diesen Film informiert werden sollte, sondern nur meine Frau gerufen, damit sie den Film nicht verpasse. Selbst als ich das mehr als ein Jahr später in einer systemischen Familientherapie ansprach, behauptete sie das noch immer und brach in Tränen aus, dass ich ihr nicht glauben würde. Ich hatte aber meinen Namen mehrmals deutlich gehört, der von ihrer Mutter damals mit besonderer Betonung durchs Haus gebrüllt worden war. Die Therapeuten glaubten ihr mehr als mir und setzten mich unter Druck, was ich wohl damit anrichten würde, ihr das nicht zu glauben, wenn sie es mir doch unter Tränen versichert, und ob ich sie denn überhaupt nicht verstehen könne und was ich damit anrichte. Ich würde meine Ehe durch mein fehlendes Vertrauen zerstören. Von meinen Gefühlen als Hintergangener und Bloßgestellter war keine Rede. Ich konnte darüber auch kaum reden. Ich kämpfte damit, durch andauernde Trigger wie die heftigen Vorwürfe meiner Frau nicht ständig in andere Zustände umzuschalten und halbwegs beim Thema zu bleiben.

Heute erscheint mir diese Familien"therapie" als Wiederholung von Gehirnwäsche-Versuchen und Verdrehungen, mit denen andere offenbar erfolgreich bei mir durchkommen konnten, ohne dass ich mich wirksam dagegen wehren konnte, sondern auf meine Methoden passiven Widerstands zurückfiel, die mir als Kind als einziger Weg geblieben waren und die von den Familientherapeuten als Hartnäckigkeit und Uneinsichtigkeit uminterpretiert wurden. Die Familientherapeuten ließen sich offenbar durch die Tränen meiner Frau beeindrucken. Ich fühlte mich durch die Therapeuten fertiggemacht, da ich angeblich so uneinsichtig war. Fast die gleiche "Argumentation", die der Pfarrer damals im Beichtstuhl benutzte, als er mir die Absolution verweigerte. Wer stumm ist und seine Gefühle nicht ausdrücken kann, weil er sie selber kaum spürt und benennen kann (abgespalten / dissoziiert), der hat einen entscheidenden Nachteil im Kampf um die Interpretation der Realität. Von Trauma und Dissoziation hatten diese systemischen Familientherapeuten offenbar nicht die mindeste Ahnung; sie kannten noch nicht einmal den Begriff "Dissoziation" und fragten mich, wie das geschrieben wird. Ähnliche Trigger, sowie möglicherweise katastrophale Fehlurteile wiederholten sich in diesen Sitzungen noch zigmal auf anderen Gebieten. Welche Auswirkungen das für meine Kinder hatte und vielleicht noch haben wird, wird sich vielleicht eines Tages noch zeigen. Es ist für mich immer wieder erschreckend, wie oft ausgerechnet diejenigen, von denen ich Hilfe wollte, mich nicht nur im Stich gelassen haben, sondern mir noch zusätzliche Lasten aufgebürdet haben. Ich habe lange gebraucht und weitere therapeutische Hilfe benötigt, um die von diesen systemischen Familientherapeuten einer bekannten Kinderschutz-Organisation verstärkten Konflikte und Selbstvorwürfe einigermaßen zu verarbeiten und die Verdrehungen meiner Frau zu hinterfragen.

Die Reaktion meiner Geschwister war die absolute Gegenveranstaltung dazu. Ich gab ihnen die Briefe zu lesen, aber ihre Reaktion war vollkommen anders als die meiner Frau. Als mein Schwager den ersten Brief las, brach er stumm in Tränen aus. Dann sagte er nach einer Weile mit einem unnachahmlichen Gesichtsausdruck ganz lakonisch seufzend, dass er meiner Mutter schon immer sowas zugetraut habe. Mehr brachte er die nächsten Minuten nicht heraus, bis er sich dann wieder gefasst hatte.

Das Verhältnis zu meinen Geschwistern hat sich seither grundlegend verändert. Erst später wurde mir klar, dass es durch den angeblichen "Verrat" von Familiengeheimnissen im Kindergarten stark belastet worden war. Ich hatte diesen "Verrat" meinen Schwestern unbewusst immer noch vorgeworfen.

Ich sah meine Eltern in diesem Jahr noch einige Male bei verschiedenen Gelegenheiten. Eine dieser Gelegenheiten war die Erstkommunion meines Neffen. Als ich mit dem Kinderwagen in die überfüllte Kirche kam, kniete meine Mutter hinten auf dem Steinboden in einer erzkatholischen Mea-Culpa-Haltung und mit einem Büßer-Gesichtsausdruck, den ich so leicht nicht vergessen werde. Mir wurde davon übel, und zum Glück wurden die Kinder etwas unruhig, so dass ich die Kirche unter dem Vorwand der Kinderbetreuung verlassen konnte. Wenig später kam die Erinnerung hoch, wie ich als Kleinkind vor dem Kreuz knien musste und sofort Ohrfeigen von meiner Mutter bekam, wenn ich wegguckte. Ich konnte danach (bis vor kurzem) keine Kirche mehr betreten, weil mich die Kruzifixe triggerten.

Bei einer anderen Gelegenheit erklärte mein Vater, dass er die Kosten für meine angestrebte Therapie übernehmen wolle. Dazu kam es jedoch nie.

Bei einer weiteren Gelegenheit schenkte mir meine Mutter ein Video mit dem Titel "Maria hat geholfen". Mir wurde speiübel. Von religiösen Verdrehungen hatte ich wahrlich genug.

Die letzte Gelegenheit war der Geburtstag meiner Oma im August 1999. Meine Frau redete betont freundschaftlich mit meinen Eltern. Als ich von einer Spazierfahrt mit dem Kinderwagen zurückkam, hatte sie mein Vater in die Arme genommen und umschlungen. Als ich nach Ende des Familientreffens im Auto saß, um heimzufahren, kam mein Vater ans Seitenfenster und sagte zu mir, dass ich die ganze Geschichte doch viel zu ernst nehmen würde. Darauf bekam ich einen der wenigen Wutanfälle meines Lebens. Ich schrie ihn an, dass ich mir von so einem Verbrecher wie ihm nicht vorschreiben lasse, wie ich mit der schlimmsten Erfahrung meines Lebens umzugehen habe, und fuhr wütend davon, völlig außer mir. Später in der Therapie hatte ich beträchtliche Schwierigkeiten, meine abgespaltene Wut zu finden und zu benennen. Ich hatte wegen dieses Wutanfalls noch lange Gewissensbisse und geheime Angst, eigentlich in die Psychiatrie zu gehören.

Danach brach ich den Kontakt zu meinen Eltern vollständig ab.

Dies war eine weise Entscheidung, denn ich merke auch heute noch, dass mich Täter-Kontakt stark belastet und Stress erzeugt. Das war und ist absolutes Gift für mich. Es ist reine Augenwischerei, zu glauben, man könne ohne gründliche Verarbeitung ganz "normal" und "ungezwungen" mit Tätern umgehen (auch wenn es die eigenen Eltern sind). Es geht schlicht nicht. Denn bei Licht betrachtet ist die Beziehung zu einem Täter extrem stark gestört, wenn nicht ruiniert -- auch wenn er früher einmal die Elternrolle spielte oder noch spielt. Man kann das zwar ignorieren oder leugnen, es bleibt aber trotzdem eine schwerstens gestörte und deshalb ambivalente Beziehung.

Mit der Therapie begann ich erst im folgenden Winter, als wirklich gar nichts mehr ging und mir der berufliche Absturz drohte. Mein erster Therapie-Versuch endete in einer Katastrophe, weil mir der Therapeut nicht glaubte und unterstellte, dass meine Mutter den Missbrauch nur zugegeben habe, um mir die Schuldgefühle aus ihrer christlichen Grundeinstellung heraus abzunehmen.

Der einzige, dem ich bisher meine Geschichte ausführlich im Detail erzählen konnte, ohne heftige Abwehr, manchmal auch Gegenreaktionen bis hin zu unfairen Angriffen hervorzurufen, ist mein jetziger Therapeut, dem ich wahrscheinlich mein Leben verdanke, weil er mich im entschiedenden Moment bestätigt hat und mir wieder den Zugang zu meinen eigenen Kräften gezeigt hat.

Selbst einige andere Überlebende (im Internet) waren durch meine Geschichte offenbar so überfordert, dass sie mich attackiert haben, als ich sie erzählte und Verständnis von Leuten wollte, die mir zuhören.

Das alte Muster setzt sich offenbar immer wieder fort: wer Hilfe sucht und dabei (unwissentlich) den Helfer überfordert, der kriegt statt Hilfe nur noch eine weitere Ladung ab. Wie kann man aber im dekompensierten Zustand erkennen, ob ein Helfer überfordert ist, der einem eigentlich aus der eigenen Überforderung heraushelfen soll? Und selbst wenn man das erkannt hätte, wer oder was kann einem dann noch helfen?

Mich hat niemand gefragt, ob ich mit meiner eigenen Geschichte überfordert bin. Ich muss andauernd damit klarkommen und darf nicht dekompensieren, um nicht in die Psychiatrie gesteckt zu werden, wo mich einige Leute schon hinhaben wollten.

Letztlich gehören auch überforderte Helfer zur Fortsetzung der Missbrauchs-Dynamik, die urspünglich vom Täter ausgeht. Wehe dem Opfer, das bei seinen Versuchen, Hilfe zu holen, das falsche Los zieht und an die falschen Leute gerät.

Ich wünsche anderen Überlebenden bessere Erfahrungen.

Doch niemals aufgeben. Der richtige Therapeut ist Gold wert, und er findet sich irgendwann.


Ergänzungen

Inzwischen (2009) sind mir Unmengen weiterer Erinnerungen gekommen. Manche davon in der bis 2005 laufenden Therapie (mit Trauma-Bearbeitung durch EMDR), andere einfach so immer wieder zwischendurch. Manches Neue kommt sogar jetzt noch hoch, wenn auch seltener.

Der sexuelle Missbrauch durch meine Mutter hat schon viel früher begonnen, als ich je vermutet hätte. Bei der frühesten erinnerbaren zusammenhängenden Szene (versuchter Geschlechtsverkehr, den ich aber erst heute als solchen identifizieren kann und bei dem ich keine Luft mehr bekam und beinahe erstickt und erdrückt wurde) war ich vermutlich noch nicht im Kindergarten (eine exakte zeitliche Lokalisation ist schwierig). Bei weiteren unzusammenhängenden Erinnerungsbildern / Einzelszenen muss ich noch deutlich jünger gewesen sein. Ich gehe davon aus, dass die Fummelei bereits im Baby-Alter begonnen haben muss.

Der Missbrauch hat sich praktisch durch meine gesamte Kindheit hindurch gezogen. Einige wenige Dinge waren sogar nie verdrängt, doch sie waren bei mir nicht unter der Rubrik "Missbrauch" eingeordnet. Sie waren als etwas ganz anderes verdreht und verzerrt. Rechnet man sadistische Gewalttaten mit hinzu, ging mein Missbrauch etwa bis zum Alter von 15 oder 16. In diesem Alter wurde ich körperlich stärker als sie, und als ich ihr einmal mit Zurückschlagen drohte, hörten die sadistischen Gewalttaten auf. Der psychische Missbrauch mit Verdrehungen ging aber weiter.

Inzwischen kamen weitere Erinnerungen, wie mir meine Mutter als kleinerem Kind erklärt hat, weshalb kindliche Körper angeblich für Erwachsene "anziehend" wirken (mit Erklärung, dass kindliche Körper etwas "besonderes" seien). Am liebsten würde sie in kindliche Körper "reinbeißen". Daher schließe ich nicht mehr aus, dass meine Mutter an Pädophilie oder zumindest Gelegenheits-Pädophilie leidet.

Ich zweifele daher die unbelegten Theorien mancher Wissenschaftler an, dass Missbrauchs-Täter bezüglich ihrer Motivation angeblich in zwei Hauptgruppen disjunkt zerfallen würden: "echte" Pädophile, im Gegensatz zu Übersprungs- und Ersatz-Handlungen von Gelegenheits-Tätern. Ich kann im Verhalten meiner Mutter ganz klar beides nebeneinander entdecken.

Meine Erinnerungen bedeuten: sie hat mich bereits als Partnerersatz benutzt und unter angeblich gesundheitlichen Vorwänden an meinen Genitalien herumgefummelt, als ich gerade laufen konnte. Zumindest einige Arten von Missbrauch hat sie auch bei meinem jüngeren Bruder gemacht. Auch wenn dieser bisher noch keine Erinnerungen daran hat (oder zumindest nicht darüber spricht): ich habe es damals in manchen Fällen mitbekommen.

Hinzu kommt ein psychischer Missbrauch, den ich immer noch nicht in Worte fassen kann. Unter anderem durfte ich als Jugendlicher keine Beziehungen zu Mädchen ausprobieren. Ich hätte stattdessen Priester werden sollen. Einige Dinge habe ich unter anderen Rubriken aufgeschrieben, aber das meiste schaffe ich nicht aufzuschreiben.

Der Missbrauch hat offenbar eine lange Familientradition: ich bin nicht nur von meiner Oma (die Mutter meiner Mutter) sadistisch missbraucht worden (Fesseln und Auspeitschen während sie an sich fummelte), sondern musste als Kindergarten-Kind den Seelentröster für meine Mutter spielen, als sie mir vom Missbrauch durch ihre Mutter erzählt hat (einschließlich Details - mit dem Unterton, wie gut es mir doch im Vergleich dazu ginge). Hinzu kommt der Selbstmord meines Onkels (Bruder meiner Mutter) Anfang der 80er Jahre, nachdem ihm ebenfalls Erinnerungen an sadistischen Missbrauch gekommen waren (von denen er damals auch mir erzählt hat), die ihm aber niemand in seiner Umgebung geglaubt hat bzw die von meiner Mutter als "Erziehung" verharmlost worden sind und er als "verrückt" bezeichnet worden ist. Anstatt einer PTBS hat er von Psychiatern eine Schizophrenie diagnostiziert bekommen. Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass das mehr als nur eine in unserem maroden Gesundheitssystem übliche Fehldiagnose war: er wird ähnlich wie ich psychotisch dekompensiert haben (was bei der Art der "Erziehung" durch meine Oma kein Wunder wäre) und von niemandem verstanden worden sein, weder von seiner Familie, noch von seinen Psychiatern, die von schlampigen Diagnosen ja finanziell profitierten. Ich kann ihm nur zu gut nachfühlen, wie sich seine Verzweiflung bis zum Selbstmord gesteigert haben muss - ähnliches habe auch ich zeitweise durchlebt.

Sexueller und sadistischer Missbrauch kann buchstäblich tötliche Folgen haben.

Ganz im Gegensatz zu dem, was Täter-Lobbyisten behaupten.

Nachtrag August 2010: die Beziehung zu meiner Schwester ist zuerst belastet und schließlich zerrüttet, nachdem sie mir am Telefon vorgeworfen hat, an der Zerstörung der elterlichen Beziehung die Schuld zu tragen, weil ich ihnen nicht verzeihe.

Hier werden wieder einmal die Täter- und Opfer-Rollen verdreht, um das Opfer "auf Spur zu bringen", zum Vorteil der Täter (siehe Artikel über das von ihr geforderte Verzeihen). Eine indirekte Form der emotionalen Erpressung.

Das ist nichts besonderes. Leider geht es vielen Opfern so.

Manche Leute hängen offenbar so ihrem inneren Wunschbild von "heiler Familie" nach, dass sie emotional nicht verstehen, was in einem Opfer vor sich geht, wenn es mit derartigen Vorwürfen und der Forderung nach "Verzeihen" konfrontiert wird.

Zum Glück hat meine Schwester diese Art von "Bearbeitungs-Versuch" erst gestartet, als ich längst wieder stabil war. Hätte sie mich damit während meiner Dekompensations-Phase erwischt, wäre ich selbstmord-gefährdet gewesen.

Mein Onkel hatte kurz vor seinem Selbstmord die gleichen Vorwürfe zu spüren bekommen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass damit seine psychische Lage noch weiter verschlimmert wurde und dass dies einen Beitrag zu seinem Suizid geleistet haben muss.

Nein, ich werde meinen Eltern nicht verzeihen.

Anders als mein Onkel werde ich dieses Nichtverzeihen aber nicht durch Selbstmord ausdrücken. Ich kann meinen Seelen-Kern auf andere Weise vor der Vereinnahmung retten.

(Frühjahr 2011) ich habe beschlossen, den Kontakt zu meiner Schwester auslaufen zu lassen. Zu Weihnachten hatte sie mir vielsagende Grüße der Machart "Trotzdem wünsche ich..." geschrieben. Ich habe nicht darauf geantwortet. Ich kann nicht erwarten, dass sie emotional begreift, dass es der von meinen Eltern begangene sexuelle Missbrauch ist, der meine Beziehung zu ihnen und jetzt auch zu meiner Schwester nachhaltig zerstört. Meine Eltern-Beziehung war schon immer zerstört, mindestens seit dem Missbrauch. Als Kind hatte ich dies nur verdrängt, damit ich unter dem Familien-Regime funktionieren konnte. Als Erwachsener werde ich mich dem Regime nicht beugen. Selbst wenn ich dafür auf meinen Erb-Anteil verzichten muss.

Bei mir wird es nie eine normale Eltern-Kind-Beziehung geben können. Seelenmord bleibt Seelenmord.

(Weihnachten 2014) Immer wieder blicke ich auf meine Vergangenheit zurück. Es vergeht kaum ein Tag, an dem mich nicht irgendetwas an den Missbrauch und seine Folgen erinnert. Je größer der Abstand, desto deutlicher erkenne ich, was er alles angerichtet hat und wo er mich ganz subtil geprägt hat. Vorher hatte ich das nur nicht gemerkt. Manchmal schmerzt es noch immer, wenn ich mit meinen Gefühlen in Kontakt komme. Es ist besser, das zu tun und es auszuhalten, als es zu verdrängen. Ich mag viel besser mit diesen Gefühlen umgehen können als früher: weg sind sie nicht. Das Gefühl des missbraucht-worden-seins wird zeitlebens bleiben. Es lässt sich nicht tilgen.