Ich kenne keinen Überlebenden, der nicht wenigstens zeitweise die Echtheit seiner Erinnerungen angezweifelt hätte oder daran schier verzweifelt wäre. Woher kommt das?
Missbrauch ist extrem schwerer Erinnerungsstoff, den keiner gerne haben will, sehr im Gegensatz zu Behauptungen von Täter-Lobbyisten wie der False Memory Syndrome Foundation (FMSF).
Hier das Ergebnis einer Studie von Herman und Schatzow (1987) an 53 weiblichen Inzest-Opfern: in 74% der Fälle wurden die Erinnerungen durch die Angaben der Täter oder anderer Familienangehöriger (inklusive mitbetroffener Geschwister) bestätigt. Teilweise waren Dokumente (z.B. Tagebücher) aus der Zeit des Missbrauchs vorhanden. Daraus lässt sich schließen, dass das "False-Memory-Syndrom" (sofern es denn überhaupt existiert, was bisher nicht nachgewiesen ist) nicht in dem Ausmaß vorkommen kann, wie das von Pädophilen-Interessengruppen und anderen Täter-Lobbyisten gerne behauptet und öffentlichkeitswirksam dargestellt wird.
Diese Frage wird nicht nur von Täter-Lobbyisten falsch beantwortet, sondern kann auch bei Betroffenen zu starker Verunsicherung führen.
Erlittener Missbrauch ruft auf der psychischen Ebene fast zwangsläufig starke Abwehr gegen die damit verbundene Pein und seelische Belastung hervor. Dies kann so weit gehen, dass Überlebende ihren Missbrauch nach einer Weile wieder vollständig leugnen und abstreiten (siehe auch Untersuchungen an Pearl-Harbor-Veteranen).
Darüber hinaus gibt es das Phänomen der Dissoziativen Amnesie. Im Artikel über Trauma ist genauer erklärt, wie es zustande kommt. Das von Trauma-Forschern inzwischen recht gut untersuchte Phänomen kann erklären, weshalb viele Überlebende von sexuellem Missbrauch sich oftmals lange Zeit nicht an ihr Trauma erinnern können: es ist u.U. biologisch / physiologisch wegen der beim Trauma anders ablaufenden Gehirnfunktionen gar nicht möglich!
Über das Ausmaß von dissoziativer Amnesie gibt es mehrere Untersuchungen. Neben Studien an Vietnam- und Pearl-Harbour-Veteranen, bei denen ein hoher Prozentsatz sogar leugnete, überhaupt jemals an den Angriffsorten gewesen zu sein (obwohl ihre Militär-Akten das Gegenteil bewiesen), gibt es auch Untersuchungen an Missbrauchs-Opfern. Beispielsweise hat Williams (1994, 1995) 129 Frauen untersucht, deren Missbrauch im Schnitt vor 17 Jahren aufgedeckt und damals in der Krankenakte detailliert und zeitnah dokumentiert worden war (es gibt also keinen Zweifel daran, dass ein realer sexueller Missbrauch stattgefunden hat). 17 Jahre nach den dokumentierten Vorfällen hatten 38% keinerlei Erinnerungen mehr daran! Weitere 16% gaben an, dass sie ihre Erinnerungen "zeitweise vergessen" hatten!
Eine Studie von Widom und Morris 1997 kam zu einem ähnlichen Ergebnis: nur 64% der Frauen mit dokumentiertem Missbrauch gaben rund 20 Jahre später an, dass sie jemals im Leben sexuell missbraucht worden seien. Bei Männern liegt die Rate sogar in einem spektakulären Bereich: nur 16% von ihnen gaben an, sexuell missbraucht worden zu sein; stellte man die Frage etwas anders, nämlich ob sie sexuelle Erfahrungen(!) als Kind mit Erwachsenen gemacht hätten, kamen immerhin noch 42% (also trotzdem noch weniger als die Hälfte!) heraus. Dies zeigt nebenbei, dass die geschlechtsspezifische Interpretation von sexuellem Missbrauch durchaus unterschiedlich ausfallen kann.
Entgegen der Propaganda von Täter-Lobbyisten gibt es klare wissenschaftliche Nachweise für das Vorhandensein und das Ausmaß von dissoziativer Amnesie - es stellt also keineswegs eine Ausnahme dar, wenn jemand von seinem erlittenen Missbrauch jahrzehntelang überhaupt nichts weiß!
In den Artikeln Programmierungen und Trauma wird erklärt, dass es verschiedene Arten von Gedächtnissen gibt. Die Leute vom FMSF ignorieren offenbar die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung: wenn etwas in impliziten Gedächtnissen (sozusagen in unserem "Dinosaurier-Gedächtnis) gespeichert ist, dann hat dies eine andere Qualität als normale Alltags-Erinnerungen, da es nicht-zeitlich und auch nicht als zusammenhängende Erzählung (narrativ) gespeichert ist. Daher lässt es sich nach bisherigen Erkenntnissen auch nicht simulieren, weil dazu Trainings-Vorgänge notwendig sind. Schwere Traumata bewirken Umverdrahtungen und Trennungen von Nervenbahnen im Gehirn, die sich prinzipiell organisch nachweisen lassen. Wer das Vorhandensein von Programmierungen in impliziten Gedächtnissen bei sich bemerkt, der kann ziemlich sicher sein, dass es in den Grundsätzen auf echte Erlebnisse zurückgeht (allenfalls das Zusammensetzen der Puzzleteile im narrativen Gedächtnis kann fehlerhaft erfolgen, wie dies z.B. oft bei Detail-Schilderungen von Unfall-Zeugen beobachtet wird; daraus ergibt sich aber nicht der Schluss, dass die gesamten Erlebnisse als solche falsch sein müssen, sondern im Gegenteil, dass sie einen wahren Kern besitzen müssen). Programmierungen sind ein ziemlich sicheres Zeichen erlittener Traumata, denn bisher sind keine anderen "Methoden" bekannt, wie man implizite Gedächtnisse mit derartigen Inhalten programmieren kann, wie sie typischerweise bei Missbrauchs-Überlebenden beobachtet werden. Auch posthypnotische Befehle unterscheiden sich davon, da sie nicht bis zu den impliziten Gedächtnissen hinab gehen; auch sind keine dauerhaften Umverdrahtungen im Gehirn beobachtet worden.
Ein bisschen platter ausgedrückt: die Symptome von PTBS (Posttraumatischem Belastungs-Syndrom) kann man nicht erfinden oder simulieren! Das ignorieren die Leute vom FMSF bei ihrer Pseudo-Argumentation.
Auch wenn man keine PTBS-Symptome oder Programmierungen bei sich bemerkt, folgt daraus noch lange nicht, dass die normalen Erinnerungen falsch sein müssen, wie es die FMSF unterschwellig suggeriert. Zwischen "Missbrauch nicht beweisen können" und "tatsächlich nachweislich keinen Missbrauch erlebt zu haben" klafft nämlich eine logische Riesenlücke, die von der FMSF desöfteren durch logische Denkfehler übersprungen wird: so behaupten einige FMSF-Autoren, dass ein Missbrauch bei bestimmten zitierten Fällen nachweislich nicht stattgefunden habe. Diese Aussage muss nach logischen Gesetzmäßigkeiten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch sein: wenn man beweisen will, dass ein bestimmtes Ereignis während der Kindheit eines Menschen nicht stattgefunden hat, dann muss man beweisen, dass dies für jeden Zeitpunkt der gesamten Kindheit gilt (vgl. temporale Logik oder Prädikatenlogik in der Mathematik). Um diesen Nachweis zu führen, bräuchte man so etwas wie eine lückenlose Video-Aufzeichnung der gesamten Kindheit des Betroffenen. Nur dann könnte man wirklich sicher sein, dass kein Missbrauch stattgefunden hat. Von einem solchen Nachweis ist aber weder die Rede, noch wird die zugrunde liegende logische Problematik (Negation von Aussagen) bei FMSF-Anhängern diskutiert.
Auch die längst erbrachten Nachweise über dissoziative Amnesie werden von FMSF-Anhängern nicht diskutiert.
Wenn man also keinen "objektiven" Beweis für das Vorhandensein von Missbrauch hat (was leider häufig vorkommt), dann folgt daraus nicht, dass es keinen Missbrauch gab. Allenfalls folgt daraus nach den Regeln der Logik, dass man weder das eine noch das andere beweisen kann (oder genauer: bisher bewiesen hat).
Die FMSF operiert desöfteren in der Grauzone zwischen nicht bewiesenem Missbrauch und nicht bewiesenem Nicht-Missbrauch, verwischt die Grenzen dieser Grauzone jedoch ganz offenkundig, und zwar "zu ihren Gunsten", ohne darüber Rechenschaft abzulegen. Überlebende brauchen sich von Leuten, die ganz offensichtlich mit logisch falschen und tendenziösen "Argumenten" operieren, nicht verwirren zu lassen.
Ich glaube, die Wahrheit kann jeder tief innen in sich drin spüren, wenn er sie spüren will.
Evidenz ist ein wissenschaftlicher Fachausdruck für etwas, das zwar nicht lückenlos bewiesen ist, das aber als sehr wahrscheinlich richtig oder sehr nahe an der Wahrheit angesehen wird. Wenn etwas hohe Evidenz hat, dann ist es mit hoher Wahrscheinlich richtig, aber nur mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit falsch (geringe Irrtums-Wahrscheinlichkeit). Alle Anzeichen sprechen für die evidente Aussage.
Es gibt Erinnerungen, die eine hohe Evidenz besitzen. Ein Beispiel:
Eine meiner ersten Erinnerungen an den Missbrauch durch meine Mutter war ihr Gesicht, wie sie bei der Masturbation durch mich stöhnte, dann aber plötzlich total zuckte und schrie. Als etwa 8-jähriges Kind war ich zwar in den Grundzügen aufgeklärt, konnte dieses plötzliche und unerwartete Verhalten aber nicht einordnen (da mir die Erfahrung fehlte), und ich bekam einen riesigen Schreck. Ich dachte, ich hätte ihr wehgetan und etwas falsch gemacht und würde dafür gleich nochmals eine Tracht Prügel kassieren, da ich es ihr ja bei der erzwungenen Befriedigung so gut wie nie recht machen konnte und mich "dumm anstellte" (weshalb sie z.B. desöfteren meine Hand führte).
Diese Erinnerung muss mit hoher Evidenz echt sein: sie war in uninterpretierter Form gespeichert, oder besser gesagt in einer objektiv falschen Interpretation. Einem Erwachsenen ist schnell klar, dass das nur ein Orgasmus gewesen sein kann. Gerade deshalb, weil ich als Kind dieses Phänomen nicht kennen und interpretieren konnte und deswegen eine objektiv unzutreffende Interpretation abgespeichert hatte (nämlich dass ich ihr wehgetan hatte), muss diese Erinnerung echt sein! Denn sie übersteigt den normalen Erfahrungshorizont eines 8-jährigen Kindes. Wenn es eine falsche Erinnerung wäre, die ich mir als Erwachsener gebildet hätte, dann würde sie nicht nur in meinem kindlichen Kontext erklärbar sein.
Immer dann, wenn Kontext-Bezüge nur in einem bestimmtem Alter oder in einer bestimmten Situation Sinn machen, ist es sehr evident, dass es sich auch tatsächlich auf eine solche Situation oder dieses Alter bezieht.
Je mehr verschiedene solche für Missbrauch evidenten Erinnerungen zusammenkommen, desto höher ist die Gesamt-Evidenz, dass Missbrauch stattgefunden hat.
Wenn dann wie bei mir auch noch Täter-Geständnisse, Ergänzungen einiger meiner Erinnerungs-Lücken durch den Co-Täter und Bestätigungen anderer Details durch Verwandte hinzukommen, ist kein Zweifel mehr möglich. Allerdings ist das eine eher seltene Ausnahme: viele Täter streiten ihre Taten komplett ab (Verantwortungs-Abwehr-System).
Eine Leugnung durch (mutmaßliche) Täter beweist weder, dass der Missbrauch nicht stattgefunden hat, noch das Gegenteil. Aussagen von (mutmaßlichen) Tätern sind oft vollkommen wertlos, um die Wahrheit herauszufinden. Denn sowohl ein zu Recht als auch ein zu Unrecht beschuldigter Mensch wird meistens abstreiten. Auch wenn ein Beschuldigter kaum oder nur schwach emotional reagiert, muss das nicht viel heißen; denn auch Täter können ihre Tat abgespalten oder in das Gegenteil umgedeutet haben. Umgekehrt kann auch ein zu Unrecht Beschuldigter stark emotional reagieren, ähnlich wie ein zu Recht Beschuldigter. Psychologisch geschulte Täter (insbesondere sogenannte "Profi-Täter") wissen darüber hinaus sehr gut, wie sie sich verhalten müssen, damit ihre Reaktion "echt" wirkt, und sie können sich lange im Voraus auf den Eventualfall vorbereiten. Nur wenn die Art der Leugnung etwas enthält, was ohne den Tat-Hintergrund so nicht zu erwarten wäre und anders nicht erklärt werden kann, kann es einen Beitrag zur Gesamt-Evidenz leisten.
Eine Täter-Konfrontation sollte in jedem Falle sehr gut vorbereitet und überlegt sein.
Viele Überlebende haben das Gefühl, "verrückt" zu sein. Es kommt ihnen so vor, als könnten ihre Erinnerungen nicht stimmen. Das Vorhandensein dieses Gefühls (im Fachjargon auch Abwehr genannt) oder das Auftreten von Depersonalisations- oder Derealisations-Zuständen beweist nicht, dass die Erinnerungen falsch sein müssen, auch wenn sie als "unmöglich", "unlogisch", "unecht" oder "von einem anderen Stern" empfunden werden. Im Gegenteil, dies zeigt nur, dass die Erinnerungen mit einer hohen inneren psychischen Belastung verbunden sind. Solche hohen inneren seelischen Belastungen haben aber eine Ursache! Gerade solche hohen Belastungen können nicht "erfunden" oder "simuliert" werden, auch wenn der Betroffene das Gefühl hat, er würde "simulieren"!
Selbst eine psychiatrische Diagnose "Psychose" oder "Schizophrenie" beweist nicht, dass Missbrauchs-Erinnerungen falsch sein müssen. Im Gegenteil, es ist in der Missbrauchs-Forschung schon lange bekannt, dass sich als Folge eines Missbrauchs durchaus eine Psychose entwickeln kann - mit dem Zusatz-Risiko, seine Erinnerungen als "Halluzinationen" zu missdeuten oder von Psychiatern missdeutet zu bekommen und daraufhin eine schwerwiegende Fehlbehandlung zu bekommen!
Wer solche Gefühle wie "zu simulieren", "zu spinnen" oder "verrückt" zu sein in sich spürt, der kann sicher sein, dass diese Anzeichen hoher innerer Trauma-Belastung einen realen Hintergrund haben. Solche Reaktionen kommen bei Trauma-Belastungen aller Art sehr häufig vor.
Wenn du solche Reaktionen spürst, solltest du dir unbedingt einen in Trauma-Therapie erfahrenen Psychotherapeuten suchen. Deine Gesundheit ist wichtiger als die Suche nach Beweisen oder Gegenbeweisen für einen sexuellen oder nicht-sexuellen Missbrauch oder ein anderes Trauma!
Bessel A. van der Kolk, Alexander C. McFarlane, Lars Weisaeth (Hrsg.): Traumatic Stress - Grundlagen und Behandlungsansätze. Theorie, Praxis und Forschung zu posttraumatischem Streß sowie Traumatherapie. Junfermann Verlag 2000.
Ursula Enders: Zart war ich, bitter war's. Handbuch gegen sexuellen Missbrauch. Kiepenheuer & Witsch, 2001.