Warum werden Täter zu Tätern?

Achtung, keine Splats und keine Trigger-Warnungen!

Diese Frage ist eine der schwierigsten, die ich mir je gestellt habe. Ich habe bisher keine vollkommen befriedigende Antwort gefunden. Außer, dass es wahrscheinlich gar nicht möglich ist, die ultimative Erklärung zu finden.

Wenn man die Antwort kennen und voll verstehen würde, dann dürfte es keinen freien Willen geben.

Letztlich ist es die freie Willensentscheidung eines Täters, ob er die Tat begeht oder nicht.

Trotzdem kann man sich möglichen Antworten der Frage ein wenig annähern.

Für mich war die Frage vor etwa 3 Jahren extrem wichtig. Wahrscheinlich wollte ich mit einer Antwort, nach der ich damals ganz dringend verlangt habe, meinen Schmerz lindern und meiner Fassungslosigkeit über meine Inzest-Erlebnisse einen Namen geben. Eine Erklärung hätte es mir erträglicher gemacht.

Vielleicht helfen die folgenden Eindrücke und Überlegungen anderen Überlebenden zu besserer Erträglichkeit ihrer belastenden Erfahrungen.

Jemand hat mir folgendes Beispiel erklärt: wenn ein Welpe (kleiner Hund) andauernd geschlagen, geprügelt und gequält wird, gibt es zwei Möglichkeiten für seine weitere Entwicklung: entweder wird es ein besonders lieber Wach- und Beschützer-Hund, oder es wird eine Bestie. Dazwischen gibt es nicht viel. Es ist so eine Art Weggabelung, und der Hund entscheidet sich irgendwann für einen dieser beiden Wege.

Was finden Pädokriminelle so toll an ihren Taten? Warum machen sie das? Ich habe in einem Buch einer Gefängnispsychologin gelesen, dass es zumindest einige Täter-Typen gibt, die das anscheinend aus so einer Art "Kick" oder "Rausch-Zustand" heraus machen. Wenn das zutreffen sollte, dann könnte das etwas mit so einer Art Jagd-Instinkt zu tun haben, der evolutionsgeschichtlich sehr alt sein dürfte. Allerdings ist sowas ziemlich fehlgeleitet, wenn es sich gegen den Nachwuchs der eigenen Art oder gar gegen den direkten Nachwuchs richtet.

Ich habe von ähnlichen Erklärungen gehört, die besagen, dass Pädophilie (die unter ICD-10 Abschnitt F65.4, DSM-IV Abschnitt 302.2 unter bestimmten Voraussetzungen auch als psychische Störung geführt wird) eine Art "Krankheit" bzw. "Sucht" ähnlich zu Alkoholismus ist. Demnach wäre Pädophilie prinzipiell nicht heilbar, ähnlich wie auch Alkoholismus nach Meinung einiger Fachleute nicht wirklich heilbar zu sein scheint. Ein Alkoholiker kann lediglich trocken werden, wird seine Anfälligkeit aber sein ganzes Leben lang behalten und muss i.d.R. vollkommen abstinent bleiben, um einen Rückfall zu vermeiden. Wenn man sich die Rückfall-Raten von angeblich "geheilten" Tätern ansieht, die während ihres Gefängnis-Aufenthalts Therapie gemacht haben, dann ist diese These nicht unplausibel. Falls diese Theorie stimmen würde, müsste man konsequenterweise solche Leute lebenslang in irgendeine Form von Sicherheitsverwahrung nehmen, um unsere Kinder wirksam zu schützen. Nach momentaner Rechtslage können Kinderschänder nur dann in Sicherheitsverwahrung genommen werden, wenn nachgewiesen werden kann, dass sie eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen. Falls jedoch Pädophilie nicht oder in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht heilbar sein sollte, müsste konsequenterweise die Beweislast umgekehrt werden: wer wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt wurde, müsste nach Verbüßung der Haftstrafe automatisch in Sicherheitsverwahrung kommen und dann nachweisen, dass er keine öffentliche Gefahr mehr darstellt, damit er aus der Sicherheitsverwahrung entlassen werden kann.

Andere Erklärungen beziehen sich auf psychische Strukturen von Tätern, die mit ihrer Tat ihre eigene Unzulänglichkeit aufpolieren und etwas "gelten" wollen, irgendwo das Sagen haben wollen oder dergleichen (Kompensations-These).

Eine weitere Erklärung wird von der Mehrheit der Autoren der Bücher vertreten, die ich zu diesem Thema gelesen habe: Missbrauch hat demnach fast immer etwas mit Macht-Ausübung zu tun, und nur am Rande mit Sexualität. Ich würde jedoch die Aspekte der Macht und der Sexualität nicht voneinander trennen. Bei manchen sexuellen Perversionen, insbesondere Sado/Masochismus, sind diese beiden Aspekte sehr stark ineinander verwoben. Mir gibt es sehr zu denken, dass meine beiden Haupt-Täterinnen allesamt sadistischen Missbrauch an mir verübt haben. Zwar hat mein zuerst erinnerter Haupt-Missbrauch durch meine Mutter erst durch "normale" Stimulierung begonnen, aber die sadistischen Elemente kamen schnell hinzu. Erst später kamen die Erinnerungen, dass schon vorher in meinem Kindergarten-Alter eine andere Art von Missbrauch verübt hat, die ich erst später überhaupt als Missbrauch erkennen konnte. Das trug von vornherein schwersten sadistischen Charakter und wurde von mir gerade deshalb zuerst nicht mit Sexualität in Verbindung gebracht.

Wenn jemand also meint, ein sexueller Kindesmissbrauch sei nicht sadistisch movitiert, sollte er mehmals sehr genau hinsehen. Denn der sadistische Charakter versteckt sich leicht.

Ein weiteres sehr starkes Argument für die Verknüpfung von Macht und Sexualität: der Polizei ist bekannt, dass der überwiegende Teil der im Internet kursierenden Kinderpornos mit sadistischen Elementen durchsetzt ist. Daraus kann man schließen, dass Sadismus offenbar ein wesentlicher Bestandteil pädophiler Phantasien und Handlungen ist (sehr im Gegensatz zur öffentlichen Darstellung von Täter-Lobbyisten; siehe auch Artikel über Pädophilie).

Trotzdem glaube ich nicht, dass dies bereits alles erklärt. Wenn zwei erwachsene Menschen freiwillig irgendwelche Sado/Maso-Spiele miteinander treiben, schädigt das keinen Dritten. Was ein Erwachsener selber mit sich machen lässt, dafür ist er selbst verantwortlich. Wird jedoch ein wehrloses Kind bzw. existentiell abhängiges Kind zu solchen Spielen gezwungen, hat das eine völlig andere Qualität. Das Machtgefälle zwischen Erwachsenem und Kind wird auf eine Weise ausgenutzt, die nur noch entsetzlich genannt werden kann.

Damit sind wir bei einem sehr heiklen Aspekt: dem der Bestie.

Was geht in so einer Bestie vor? Ich halte es für möglich, dass sich so eine Bestie selber gar nicht als Bestie sieht. Meine Mutter hat den Missbrauch damit begründet, dass sie das gleiche bei ihrer Mutter ja auch machen musste, und Kinder müssten gehorsam sein (viertes Gebot). Eine der "normalen" und "üblichen" Täter-Verdrehungen. Deegener schildert in seinem Buch das bei Tätern weit verbreitete charakteristische Verantwortungs-Abwehr-System (VAS). Demnach sind Täter regelrecht blind gegenüber dem, was sie anrichten. Blind ist eigentlich gar kein Ausdruck; wahrscheinlich passt "halbbewusste Ignoranz" besser.

Eins ist sicher: Tätern fehlt es am Mitfühlen, an wirklicher Empathie!

Dies ist nach Ansicht einiger Fachleute sogar beinahe das einzige wesentliche Merkmal, das sich durch sämtliche Täter-Schichten und -Arten gleichartig hindurchzieht.

Täter übertragen oft ihre Einstellungen und Ansichten auf Opfer (Introjekte). Möglicherweise könnte diese Blindheit ebenfalls übertragen werden. Eine andere Hypothese wäre, dass sich Opfer in ihrer Not manchmal ebenfalls "blind" machen (müssen) bzw. dissoziieren, weil es dann leichter verkraftbar ist bzw. überhaupt nur so ein Weiterleben möglich ist (Anpassung an das Trauma). Beides würde jedenfalls zum Teil erklären können, warum anscheinend einige Täter (aber längst nicht alle!) selber einmal Opfer waren. Diese Erklärung finde ich jedoch problematisch, da sie dazu missbraucht werden kann, die Täter aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Schließlich wird die Mehrzahl der Opfer nicht wieder zum Täter.

Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt: der freie Wille fordert Verantwortung. Ansonsten kann er anderen Menschen schaden. Ohne Verantwortungslosigkeit wären Missbrauchs-Taten gar nicht denkbar.

Missbrauch lässt sich durch nichts entschuldigen. Missbrauch wird auch nicht "versehentlich" ausgeübt. Täter sind für ihr Verhalten und für ihre angerichteten Schäden voll verantwortlich.

Täter-Typen nach Gallwitz / Paulus

Das unten angegebene Buch "Grünkram" von Gallwitz / Paulus habe ich vor Jahren nicht lesen können, weil es mich zu sehr mitgenommen und getriggert hat. Vor kurzem habe ich es dann doch gelesen. Der Titel sieht nur auf den ersten Blick reißerisch aus; der Inhalt erscheint mir größtenteils fundiert und stammt von einem Polizeipsychologen und einem Polizeipraktiker, die ganz offensichtlich wissen, wovon sie reden - solange sie von ihren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen berichten. Was sie jedoch im Kapitel I/11 ziemlich unkritisch aus der sattsam bekannten und inzwischen teilweise widerlegten FMSF-Propaganda und anderer Täter-Lobby-Propaganda abgeschrieben haben müssen, löst bei mir nur Kopfschütteln aus. Auch mit ihrer Behauptung aus Kapitel I/10, dass sich gesund entwickelte Kinder ganz gut selbst schützen könnten, liegen sie definitiv daneben: ein Dreijähriger, der mit der Peitsche zum Sexsklaven "erzogen" wird, hat dagegen absolut keine Chance. Gar keine. Von Säuglingen ganz zu schweigen.

Die Analyse der Täter-Typen in Kapitel I/6 finde ich jedoch sehr bemerkenswert:

Nach dieser Typologie wäre meine Mutter ganz eindeutig vom regressiven Typ, wenn sie neben dem sexuellen nicht auch noch zusätzlich sadistischen Missbrauch (teilweise auch isoliert, d.h. völlig ohne für mich als Kind erkennbare sexuelle Elemente) begangen hätte und nicht auch einige Merkmale des soziopathischen Typs gleichzeitig dazu zeigen würde. Als Kind habe ich meine Mutter in zwei völlig verschiedene Personen aufgespalten: die ernährende und die sadistische Mutter. Obwohl ich keine Ferndiagnose stellen möchte, gibt es bei ihr auch die Möglichkeit einer DIS- oder DPS-ähnlichen Persönlichkeits-Spaltung (z.B. ausgelöst durch ihren eigenen Missbrauch durch ihre Mutter), die das gleichzeitige Vorhandensein der regressiven und der soziopathischen Merkmale erklären könnte.

In jedem Falle würde ich diese Täter-Typen nicht als gegenseitig ausschließlich ansehen. Die Gefahr einer festen Typologie liegt darin, dass Mischformen leicht unerkannt bleiben. Einige Merkmale sind nicht ohne weiteres erkennbar, sondern benötigen längere Beobachtung und Beschäftigung. Täter sind sehr begabt im Verstecken ihrer wahren Absichten und Einstellungen.

Eins muss ich dem Buch von Gallwitz / Paulus jedoch lassen: nach der Lektüre der Beschreibung der Pädo-Szene in Teil II bin ich zwar fix und fertig, aber ich habe jetzt eine Erklärung für das bisher unerklärliche Sado-Verhalten meiner Mutter gefunden. Ich konnte es vorher nicht wirklich glauben, was sie mit mir als Kleinkind gemacht hat. Ich habe jetzt die Bestätigung, dass dieses Phänomen in unserer Gesellschaft viel weiter verbreitet ist, als ich je gedacht hätte. Meine Erinnerungen sind absolut nicht unrealistisch.

Eine schreckliche Gesellschaft, die bei so etwas wegsieht.

Eltern, die davon wissen. Die wegsehen. Die ihre Kinder sogar gegen Geld verkaufen.

Alles scheinbar ganz normal?

Literatur