Dekompensation und Depression

Was ist das?

Die Depression kennt fast jeder aus der Umgangssprache. Dekompensation lässt sich als eine Sonderform der Depression auffassen - ist aber doch nicht das gleiche, sondern hat noch weitere Kennzeichen.

Der Hauptunterschied: bei der Dekompensation geht (zusätzlich) der Schutzmantel, das für-sich-sorgen-können und die Selbstverteidigungsfähigkeit verloren. Man rutscht in so eine Art "Kind"-Rolle, wird "dünnhäutig", fühlt sich vom Alltag überfordert (ähnlich wie bei der Depression), wird aber anders als bei der reinen Depression sehr leicht getriggert, d.h. an das Trauma erinnert oder von Flashbacks heimgesucht. Man fühlt sich bedroht, hat ständig Angst. Es ist aber keine "Angststörung" im eigentlichen Sinne. Diese Angst und Hilflosigkeit wiederum kann bei einer unverständigen Umwelt weitere Angriffe oder Anschuldigungen hervorrufen (vgl. Wiederholungen), die die Dekompensation verstärken - ein Teufelskreis. Manchmal erkennen auch Therapeuten diesen Zustand nicht und behandeln einen falsch (z.B. mit Androhung von Psychiatrie-Einweisung, konfrontativen Techniken o.ä.), was insbesondere bei gleichzeitiger Suizidneigung katastrophale Folgen haben kann.

Aus Sicht seiner Umgebung funktioniert ein Dekompensierter nicht mehr so, wie sie es gerne hätte. Oft steht die weitere Berufsausübung auf dem Spiel; es droht sozialer Abstieg und Hartz-IV.

In der Fachliteratur wird die Dekompensation kaum erklärt, da sie meist als Symptom und nicht als eine eigenständige Krankheit gesehen wird (und daher auch wenig Interesse von Forschern auf sich zieht - im Unterschied zur Depression). Am häufigsten kommt die Dekompensation in Verbindung mit dem Zusatz-Kennzeichen "psychotische" Dekompensation vor. Demnach müsste es auch eine "neurotische" oder "Borderline"-Dekompensation geben. Allerdings habe ich letztere Begriffsbildungen noch nie gehört oder gelesen. Eine derartige Schubladen-Einteilung scheint mir kontraproduktiv, weil sie von Mischformen ablenkt (die es nach meiner eigenen Erfahrung sehr wohl gibt).

Von der lateinischen Wortbedeutung her ("ent-kompensiert" oder "ent-ausgeglichen") bedeutet De-Kompensation, dass man aus dem seelischen Gleichgewicht kommt, weil die Überlebens-Mechanismen wie z.B. Leugnung oder Verdrängung nicht mehr da sind oder wirken können. Bisher hatten diese "Gegenmittel" die Trauma-Wirkung in Schach gehalten und "neutralisiert" bzw. "kompensiert" - bei der De-Kompensation geht diese Gegenwirkung weg, und die schädlichen Wirkungen des Traumas kommen zum Vorschein.

Damit ist bereits die Gegenstrategie klar: (1) ein neues Gegengewicht aufbauen (aber wirklich nur ein neues, denn das alte funktioniert nicht auf Dauer, daher die Krise), und (2) die schädlichen Wirkungen des Traumas abbauen, am besten durch Trauma-Therapie.

Vor meiner Dekompensation hatte ich eine Fassade aufgebaut. Ich versuchte, nach außen wie jeder andere Mensch zu funktionieren und mir nichts anmerken zu lassen. Ich wollte "normal" sein und bemühte mich krampfhaft darum. Irgendwo tief im Innern spürte ich, dass es nicht ging. Etwas war bei mir anders als bei anderen. Hinsehen ging aber auch nicht, weil es unbeschreiblich weh tat. Also steckte ich viel Energie in das Halten des Gleichgewichts.

Bei mir fing die Dekompensation an, als die Erinnerungen an den Missbrauch durch meine Mutter hochkamen. Ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert - nicht nur den Erinnerungen, die immer heftiger und "lebendiger" wurden, sondern auch dem Verhalten meiner Umwelt, insbesondere den immer heftigeren und häufigeren Anschuldigungen durch meine Frau. Dann geriet ich auch noch an systemische Familientherapeuten, die u.a. parallel zu meiner Einzeltherapie die Ehe retten helfen sollten, aber meine Lage total verkannten und mich stellenweise noch zusätzlich fertig machten. Sie hatten offenbar nicht den blassesten Schimmer von Trauma-Therapie und Trauma-Folgen, denn sie kannten nicht einmal den Fachbegriff "Dissoziation" (nie was davon gehört; sie wollten von mir wissen, wie das geschrieben wird und ob ich nicht "Assoziation" meinen würde; in der nächsten Stunde hatten sie sich dann irgendwelches oberflächliches Wissen über "innere Kinder" und dergl. angelesen). Dass mich meine Frau andauernd triggerte und in andere dissoziative Zustände versetzte, konnten sie unter diesen Umständen natürlich nicht herausfinden, und dass sie selber mich manchmal auch triggerten, lag wohl außerhalb ihres Vorstellungshorizontes. Leider habe ich diese Fehl-Therapie viel zu spät abgebrochen, da ich einfach viel zu bedürftig war und jeden Rettungs-Strohhalm annahm, beinahe egal wohin er führte.

Heute bin ich froh, durch die Dekompensations-Krise gegangen zu sein. Das Aufdecken der wirklichen Ursachen war zwar schwer auszuhalten und stürzte mich in eine Aufdeckungs-Krise, aber mein neues Gleichgewicht, das ich seither auch mit Hilfe der Therapie gefunden habe, ist das wert. Heute lebe ich mit, nicht gegen den Missbrauch. Ich lebe viel ehrlicher und offener. Ich gehe auch anders mit mir selber um.

Was hilft am besten gegen Dekompensation?

Meine Standardantwort lautet wie immer: Therapie. Aber nicht einfach irgendeine, sondern eine mit folgenden Kennzeichen:

Zur Verbündeten-Übertragung muss ich etwas sagen, weil sie kaum in Fachbüchern behandelt wird und nicht zum Standard-Repertoire von Therapeuten zu gehören scheint: der Therapeut stellt sich wo notwendig auch schützend vor das Opfer (besonders am Anfang), ansonsten aber eher mitkämpfend an seine Seite. Ähnlich wie ein guter Freund. Oder besser ausgedrückt: so wie es damals ein guter Elternteil eigentlich hätte machen sollen.

Meinen Therapie-Erfolg verdanke ich nicht nur meinem eigenen Engagement, sondern auch der Verbundenheit, die mich mein Thera hat spüren lassen. Ich weiß, dass sie bei ihm echt ist - schließlich ist er selbst Überlebender. Er hatte bei mir viele Klippen zu umschiffen, da ich mehrere Behandlungsfehler durch andere Therapeuten erfahren hatte, die mein Vertrauen in Therapie schlechthin untergraben hatten. Ich machte eigentlich eine Folge-Therapie bei ihm.

Das eigentliche Ziel eines guten Therapeuten ist jedoch, sich selbst irgendwann überflüssig zu machen: dann kann man selber für sich sorgen und auch für sich selber kämpfen. In den Standard-Büchern für Überlebende wie "Trotz Allem" wird oft betont, wie wichtig die eigene Beelterung und das Sorgen für sich selbst ist - ich möchte anfügen: die Selbstverteidigung aus eigener Kraft ist mindestens genauso wichtig!

Wer glaubt, das könne man alleine mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie einüben und lernen, der liegt meiner Ansicht nach falsch: es muss derart von innen kommen, dass es wirklich aus den eigenen vollen Lebenskräften gespeist wird, die jeder Überlebende in sich trägt, die in Wirklichkeit sogar stärker und besser trainiert sind als bei vielen Nicht-Überlebenden. Es geht um mehr als Lernen und Einüben: die Veränderung der Selbst-Einstellung durch Selbst-Erfahrung. Das geht nicht, wenn man (evtl. unerkannte) dissoziierte Anteile mit sich herumschleppt. Diese wiederum kriegt man nur zu fassen, wenn man in die Tiefenschichten geht. Das wiederum setzt Aufdeckung und den Mut zur Neugestaltung voraus.

Auch die Standard-Rezepte gegen Depressionen, die in vielen Ratgeber-Büchern zu finden sind, reichen bei Dekompensation nicht aus. Man sollte an die Wurzeln gehen und Trauma-Therapie machen.