Am besten können Täter dieses Phänomen erklären (sofern sie es einem erklären wollen): sie haben offenbar einen siebten Sinn dafür, wer bereits einmal Opfer war und wer deshalb die leichteste Beute werden wird.
Dies ist auch aus Kriminal-Statistiken bekannt: wer beispielsweise einmal ausgeraubt worden ist, dessen "Chancen" auf eine Wiederholung dieser Art von Angriff steigen rapide.
Ich versuche es hier einmal mit meinen eigenen Worten zu erklären: die Beziehungen zwischen Opfer und Täter sind durch ein extremes Macht-Gefälle gekennzeichnet. Andernfalls könnte der Täter seine Tat ja gar nicht ausführen.
Macht-Gefälle kommen in der Natur ja auch vor, z.B. bei der Hackordnung auf dem Hühnerhof oder bei Rangstellungen in Tierherden, nicht zuletzt auch bei Affen, unseren nächsten Verwandten. Dort haben sie den Sinn, nach einem Festlegungs-Vorgang (Machtkampf), der oft bestimmten Regeln und Ritualen folgt, den Frieden innerhalb der Gruppe zu sichern und die Gruppe nach außen schlagkräftig gegen Feinde zu machen, da die Rang-Ordnungen auch Organisations-Ordnungen für den Notfall sind (z.B. Bedrohung durch Raubtiere). Eine einmal festgelegte Rangordnung wird daher meist längere Zeit beibehalten, und die unterlegenen Tiere fügen sich mehr oder weniger "freiwillig" in ihre Rolle. Denn diese Art natürlicher Selbstorganisation dient ja letztlich dem gemeinsamen Überleben der Gruppe.
Bei sexuellem Missbrauch von Kindern sind diese natürlichen Hierarchie-Funktionen jedoch in ihr Gegenteil verdreht ("pervertiert"): der Unterlegene wird nicht nur ausgebeutet, sondern in seiner Existenz gefährdet (im Unterschied zu den ritualisierten Hierarchie-Rangeleien). Das ist so ziemlich das Gegenteil des gemeinsamen Gruppen-Überlebens! Kinder sind nun mal gegenüber Erwachsenen unterlegen. Missbraucher stellen durch ihre oftmals sehr schweren körperlichen und psychischen Schädigungen die Existenz des Opfers bzw. des eigenen Nachwuchses in Frage! Daher auch das praktisch weltweit beobachtbare Inzest-Tabu, gerade auch bei Naturvölkern!
Die Unterordnungs-Mechanismen wirken jedoch beim Kind und werden beim Missbrauch eingeübt: "gelernt". Wobei existenzgefährdende Erfahrungen einen ganz besonders tiefen Eindruck hinterlassen. Dieses gelernte ("einprogrammierte") Verhalten wirkt auch beim Erwachsenen fort, weil existentielle Erfahrungen eine ganz andere Qualität und Dimension haben als normale Alltags-Erfahrungen und auch in ganz anderen Gehirn-Regionen abgespeichert werden, an die unser Alltags-Bewusstsein nur schwer herankommt.
Solche existentiellen Erfahrungen, die einen extrem anfällig für Wiederholungen ("Reviktimisierung") machen, sind daher extrem schwer wieder auszulöschen und "umzuprogrammieren".
Kurz und bündig: Therapie. Und zwar eine, die die Selbstverantwortung stärkt und das Selbstvertrauen aufbaut.
Eine gute Therapie bei sexuellem Missbrauch muss (unter anderem) auch den Aspekt des eingeübten bzw. in die tiefsten Unterbewusstseins-Ebenen einprogrammierten Rollen-Verhaltens berücksichtigen. Denn Wiederholungen sind viel zu "teuer" und viel zu gefährlich: sie können leicht existenzbedrohend werden.
Aus der unbewussten Tiefen-Dimension dieser Programmierungen folgt auch, dass man mit reiner Verhaltens-Therapie meist nicht auskommt, sondern auf jeden Fall auch tiefenpsychologisch fundiert arbeiten sollte, wenn nicht sogar schwerpunktmäßig. Am besten ist eine Kombination aus beiden Ansätzen. An den Therapeuten werden dabei hohe Anforderungen gestellt und hohe Bandbreite verlangt (neben der Trauma-Therapie).
Das heißt also, dass man lernen soll, wie man sich durchsetzt. Und zwar auf eine faire Weise durchsetzt, wie es menschlichem Sozial- und Gruppenverhalten angemessen ist. Leider waren gerade die Vorbilder, die die Täter abgegeben haben, überhaupt nicht in diesem Sinne. Sexueller Missbrauch von Kindern ist so ziemlich das unfairste und unsportlichste, was es überhaupt gibt. Nicht ohne Grund werden "Kinderficker" in Gefängnissen von ihren Gefangenen-Kollegen in die allerunterste Hierarchie-Ebene eingruppiert.
Wenn man seine Opfer-Rolle verlässt, kann es passieren, dass man unbewusst die Rollenvorbilder des Täters übernimmt. Daher sollte wenigstens dieser Teil der Heilung unter sehr kompetenter professioneller Anleitung stattfinden. Das von manchen Überlebenden schon beinahe als alleiniges Kriterium propagierte "Erlernen der Wehrhaftigkeit" ist alles andere als ausreichend, wenn man in sozialen Kontexten zufrieden eingebunden sein möchte - auch andere soziale Fertigkeiten sind gefragt. Eine "Selbstheilung" oder reine "Selbsthilfe-Betreuung" kann hier sehr leicht unschöne Effekte begünstigen (z.B. ein Hang zur Übergriffigkeit, der von den Betroffenen geleugnet wird), da ein wichtiger Rückmeldungs-Kanal fehlt bzw. die Rückmeldungen aus dem realen Leben leicht aus einer verzerrten Perspektive wahrgenommen werden.