Schädlichkeit von sexuellem Missbrauch

Fakten: sexueller Missbrauch in der Vorgeschichte psychiatrischer Erkrankungen

Es gibt eine Reihe von psychiatrischen Krankheiten, bei denen Zusammenhänge mit sexuellem Missbrauch in der Kindheit nachgewiesen werden konnten.

Unter anderem wurden Zusammenhänge bei folgenden Erkrankungen entdeckt:

Im Folgenden werden eine kleine Auswahl von Studien über einige dieser Störungen und einige der zugehörigen Forschungsergebnisse vorgestellt.

Depressionen

Die folgende Tabelle (Quelle: Egle/Hoffmann/Joraschky Seite 287) zeigt retrospektive Studien (retrospektiv = vom Symptom ausgehend nach den Ursachen forschend), die in der Allgemeinbevölkerung und in Allgemeinpraxen durchgeführt wurden, also auf keine besondere Risikogruppen fokussieren. Die Ergebnisse sind nicht immer miteinander direkt vergleichbar, weil unterschiedliche Missbrauchs-Definitionen (eng/weit) verwendet wurden. Die gefundenen Depressions-Symptome schwanken zwischen verschiedenen Studien deshalb sehr stark, weil je nach Studie unterschiedliche Zeiträume betrachtet wurden, in denen die Symptome auftreten konnten (von einmaliger Befragung bis hin zu fast lebenslang laufenden Längsschnitt-Untersuchungen). Es ist klar, dass bei Betrachtung längerer Zeiträume auch mehr Depressionen auftreten (oder aufgefunden werden).

Sexueller Missbrauch und Depression bei Frauen
Autor (Jahr) MB-Definition Anteil Missbrauchter Depris bei Kontrollgruppe Depris bei Missbrauchten
Bagley + Ramsey 1985 eng 22% 3% 16%
Mullen et al 1988 eng 13% 6% 21%
Bifulco et al 1991 weit 12% 26% 64%
Bushnell et al 1992 eng 13% 2-fach erhöht
Mullen et al 1993 eng 32% 5% 13%
Andrews et al 1995 weit 12% 10% 29%
Felitti 1991 weit 32% 83%
Walker et al 1992 eng 36% 86%
McCauley et al 1997 weit 7,2% signifikant höherer Score im SCL-90
Brown et al 1999 weit 10% 18% 57%

Hinweis: in Egle/Hoffmann/Joraschky Seite 288 gibt es weitere Studien über Depressionen, diesmal jedoch in Risikogruppen. Die Ergebnisse zeigen ebenfalls ein deutlich höheres Auftreten von Depressionen bei sexuell Missbrauchten als in den Kontrollgruppen.

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die folgende Tabelle (Egle/Hoffmann/Joraschky Seite 423) zeigt das Vorkommen von sexuellem Missbrauch bei Borderline-Patienten:

Autor, Jahr Physische Misshandlung Sexueller Missbrauch
Zanarini et al 1989 46% 26% *
Herman et al 1989 71% 67%
Ogata et al 1990 42% 71% *
Westen et al 1990 52% 52% *
Paris et al 1994a 70% * 70% *
Paris et al 1994b - 47% *
Zanarini et al 2002 86,2% 62,4%
Bei den mit * markierten Einträgen ist das Ergebnis signifikant höher als in der jeweiligen Kontrollgruppe.

Dissoziative Identitätsstörung (DIS)

Die folgende Tabelle gibt Daten aus Egle/Hoffmann/Joraschky Seite 403 wider:

Sexueller Missbrauch und andere Traumata in der Vorgeschichte von DIS-Patienten
Autor, Jahr Ergebnisse
Coons + Milstein 1986 75% sexueller Missbrauch in der Vorgeschichte
Putnam 1991 83% schwerer sexueller oder körperlicher Missbrauch
Boon und Draijer 1993 94,4% körperliche und/oder sexuelle Misshandlungen, davon 80,6% PTBS
Ross et al 1989 79,2% schwerer sexueller Missbrauch, 74,9% schwere körperliche Misshandlung
Ross et al 1990 90,2% schwerer sexueller Missbrauch, 82,4% schwere körperliche Misshandlung

Selbstmord-Risiko

Fergusson 2000 hat ein um den Faktor 4,3 bis 5,8 erhöhtes Suizid-Risiko ( = Selbstmord-Risiko) bei sexuell Missbrauchten gefunden; bei regelmäßig körperlich bestraften Kindern (physisch Missbrauchten) lag der Faktor "nur" zwischen 3,1 und 3,7.

Weitere Kommentare hierzu sind nicht erforderlich - ich bitte den Leser, an dieser Stelle eine Schweigeminute einzulegen.

Folgerungen hieraus

Die Behauptungen von Pädophilen und anderen Täter-Lobbyisten, sexueller Missbrauch schade nicht, sind klar widerlegt. Das oben vorgestellte Material stellt nur einen Bruchteil der insgesamt vorhandenen Untersuchungen dar, die auch bei anderen Störungen Zusammenhänge mit sexuellem Missbrauch nachgewiesen haben.

In ihrer Gesamtmasse sind diese Beweise für Zusammenhänge zwischen sexuellem Missbrauch und schwerwiegenden Folgesymptomen erdrückend!

Es spielt auch keine große Rolle, ob es sich um prospektive ( = von den Ursachen ausgehend nach späteren Symptomen forschende) oder um retrospektive ( = vom Symptom-Auftreten rückwirkend nach Ursachen forschende) Studien handelt - in beiden Arten von Studien wurden Zusammenhänge gefunden. Ebenso verhält es sich bei Querschnittsstudien (zu einem Betrachtungszeitpunkt gemessen) versus Längsschnittsstudien (Verlaufs-Verfolgung einer Gruppe über längere Zeit hinweg): beide Klassen von Studien sind vertreten, und haben Zusammenhänge mit sexuellem Missbrauch ergeben. Allerdings sind diese Zusammenhänge nicht überall gleich stark.

Weniger starke Zusammenhänge findet man meist in prospektiven Studien, vor allem in sogenannten "multivariaten Analysen" aus der Epidemiologie. Dort werden neben sexuellem Missbrauch auch viele andere potentielle Schädigungs-Faktoren wie z.B. das Familienklima auf ihre Vorhersagekraft für diverse Störungen untersucht, und es wird eine ganze Reihe von Folgesymptomen gleichzeitig mituntersucht. Wenn man bei diesen Untersuchungen "stark in die Details hineinzoomt", findet man oft nur "Rauschen", aber nur wenig Zusammenhänge. Erstellt man jedoch grobe Übersichts-Bilder, finden sich sehr wohl nachweisbare Zusammenhänge mit sexuellem Missbrauch, die sich alleine aus anderen Ursachen heraus nicht vollständig erklären lassen. Diese Zusammenhänge fallen in prospektiven Untersuchungen bei dieser Analyse-Art deshalb geringer aus, weil es oft innere Zusammenhänge zwischen konkurrierenden potentiellen Ursachen gibt. Speziell beim Missbrauch sind auch viele leichtere Missbrauchs-Fälle mit einbezogen, während in obigen retrospektiven klinischen Populationen eher die schwereren Fälle vertreten sind.

Trotz dieses "Verwässerungs-Effektes" konnte in Meta-Analysen über viele multi-variate Studien hinweg nachgewiesen werden, dass sexueller Missbrauch als isolierte Einzel-Ursache das Risiko irgendeiner psychischen Störung ungefähr verdoppelt. (s.u. Literatur Amann / Wipplinger)

Zwar kann man einzelne Störungen bei dieser Analyse-Art oft nicht aus dem Grundrauschen herausfiltern, aber dies ist auch nicht weiter verwunderlich: es ist schon lange bekannt, dass Folgesymptome wie z.B. Depressionen natürlich auch andere Ursachen als Missbrauch haben können. Das folgende Bild erklärt diese Zusammenhänge anschaulich:

Bisher wurden sehr viele verschiedene Folgesymptome gefunden, die bei sexuellem Missbrauch entstehen können, aber nicht zwangsläufig müssen (siehe Literatur Bange/Deegener, wo neben psychiatrisch relevanten Störungen auch viele andere Beeinträchtigungen wie Sexualstörungen einbezogen wurden). Umgekehrt ist für keines dieser Folgesymptome bisher nachgewiesen worden, dass es ausschließlich durch Missbrauch entstehen kann - es kann auch andere Ursachen geben!

Es gibt also offenbar kein einzelnes spezielles Merkmal, an dem man das Vorliegen von sexuellem Missbrauch sofort und eindeutig erkennen kann.

Dennoch kann man nicht behaupten, dass sexueller Missbrauch keine Folgen hätte, wie es Täter-Lobbyisten gerne tun. Schließlich konnte auch in nicht-klinischen prospektiven Studien nachgewiesen werden, dass das Risiko irgendeiner psychischen Erkrankung durch sexuellen Missbrauch in der Vorgeschichte ungefähr verdoppelt wird. Weil sich die Wirkung auf viele Folgesymptome verteilt (darunter auch viele nicht-klinische), kann man einzelne Wirkungen manchmal nicht nachweisen, die Gesamtwirkung hingegen schon.

Wenn man eine spezielle Folgewirkung nicht nachweisen kann, folgt daraus noch lange nicht, dass lein Zusammenhang existiert!

Hierzu eine hypothetische Analogie: Raucher sterben nicht mit Sicherheit früher als Nichtraucher, allerdings ist ihr Risiko deutlich erhöht. Betrachtet man nur den Lungenkrebs, dann findet man dort "nur" eine geringere Risiko-Erhöhung als beim Allgemein-Risiko. Schießlich kann das Rauchen auch viele andere Folgen haben, für die das Risiko jeweils nur schwach erhöht ist. Deshalb kann man keine Zusammenhänge zu isolierten Folgen wie Migräne, Kreislaufversagen, Schwindelanfällen im Straßenverkehr und Erfrierungen mit Sicherheit nachweisen. Nur wenn man alle möglichen Folgen des Rauchens zusammennimmt, kann man die durchschlagende Wirkung erkennen. Ähnlich wie bei einem Schuss mit einer Schrotflinte, wo ein einzelnes Korn nicht viel anrichten kann (und viele der Körner ja auch nicht getroffen haben müssen), aber die zusammengenommene Wirkung vieler Körner trotzdem dramatisch sein kann -- es läge ziemlich daneben, die Frage zu stellen, welches der vielen Körner denn nun zum Tode des Getroffenen geführt hat. Schließlich kann ein einzelnes Korn wie Kreislaufversagen auch andere Ursachen als Rauchen haben. Insgesamt ist das Gesamt-Risiko eines frühen Todes bei Rauchern jedoch deutlich erhöht. Wenn Raucher dann noch weitere Risikofaktoren wie z.B. schlechte Ernährung hinzukommen, werden viele Krankheitsrisiken ebenfalls größer.

Niemand wird heute noch auf die Idee kommen, Rauchen nur deshalb als "unschädlich" (oder unter bestimmten Bedingungen als unschädlich) zu bezeichnen, weil es einige wenige Raucher gibt, die zeitlebens keines der bekannten Folgesymptome entwickelt haben, oder weil sich für manche speziellen Krankheiten keine Zusammenhänge nachweisen ließen, oder weil auch falsche Ernährung zum frühen Tod führen kann. Täter-Lobbyisten versuchen derartiges jedoch immer wieder!

Zurück zu den oben zitierten retrospektiven Untersuchungen aus Kliniken: während bei einigen Störungs-Arten wie z.B. Essstörungen nur relativ schwache Zusammenhänge zu sexuellem Missbrauch nachgewiesen werden konnten, sind bei einigen anderen Störungen (insbesondere besonders schwerwiegende und beeinträchtigende Störungen wie DIS) derart starke Zusammenhänge gefunden worden, dass nur eines als Fazit gezogen werden kann:

Wer behauptet, sexueller Missbrauch sei unschädlich oder gar förderlich für Kinder, der leugnet und verharmlost die nachgewiesenen Fakten!

Beispiele für Leugnungen und Verharmlosungen von Fakten

Die Schädlichkeit sexuellen Missbrauchs wird nicht nur von Pädophilen und Täter-Lobbyisten geleugnet. In manchen Fällen bagatellisieren sogar auch Wissenschaftler, was das Zeug hält.

In einem Informations-Flyer aus einer psychologischen Fakultät habe ich folgendes gefunden:

4 Zur Schädlichkeit des sexuellen Missbrauchs

Annahme: "Was ich besonders abstoßend finde, das muss auch besonders schädlich sein!"

Sachliche Informationen zum sexuellen Missbrauch:

(1) ...
...
(6) "Opfer" sind in 20 bis 50% der Fälle nicht geschädigt
...

Schauen wir uns die unterschwellig suggestive Botschaft genauer an.

Abgesehen von den Anführungszeichen um das Wort "Opfer" wird überhaupt nicht darauf eingegangen, was mit den 50 bis 80% der anderen Fälle ist.

Immerhin ist das die Mehrheit.

Haltbarkeit von Unschädlichkeits-Behauptungen

Derartige Unschädlichkeits-Behauptungen dürften einer gründlichen wissenschaftlichen Evaluation ( = Überprüfung) kaum standhalten. Wer nachweisen will, dass ein Schaden durch sexuellen Missbrauch in einer bestimmten Untergruppe der Untersuchten nicht eingetreten ist, der muss sicher stellen, dass bei dieser Untergruppe

  1. keine verborgenen oder unerkannten (weil bisher gar nicht untersuchten) Schäden vorhanden sind
  2. keine zeitlich verzögerten Schäden auch später noch auftreten können

Gerade bei letzterem hapert es jedoch bei sämtlichen Querschnitts-Studien. Zeitlich verzögerte Schäden lassen sich (wenn überhaupt) nur mit langfristigen Längsschnitt-Studien erfassen, die sich über die gesamte Lebensdauer der Untersuchtungsgruppe erstrecken, also Generationen übergreifend angelegt sind.

Mir ist bisher keine derartige abgeschlossene langfristige Längsschnitt-Studie speziell über Missbrauchs-Opfer bekannt, die gleichzeitig möglichst alle potentiellen Folgesymptome (über rein psychiatrische hinausgehend) beobachtet, so dass man Einzelfälle isolieren könnte, in denen kein einziges der möglichen Folgesymptome aufgetreten ist (Achtung, diese Fragestellung unterscheidet sich grundlegend von der jeweils isolierten Betrachtung einzelner Folgesymptome!) Die bekannten Längsschnitt-Studien über andere Opfer-Gruppen sprechen jedenfalls eine vollkommen andere Sprache als die obige Behauptung.

Dass zeitlich verzögerte Schäden nicht nur auftreten können, sondern auch tatsächlich in erheblichem Umfang auftreten, belegen neuere Erkenntnisse der Trauma-Forschung. Insbesondere die Posttraumatische Belastungs-Störung (PTBS) verläuft typischerweise in drei Phasen:

  1. Akute traumatische Belastungsreaktionen (meist wenige Stunden bis Tage oder Wochen)
  2. Latenzphase, oft ohne erkennbare Symptome (oftmals Jahre bis Jahrzehnte andauernd)
  3. Posttraumatische Belastungsreaktion (nicht selten erst Jahrzehnte nach dem Trauma)

Längsschnitt-Untersuchungen an Pearl-Harbor- und Vietnam-Veteranen sowie KZ-Opfern haben darüber hinaus gezeigt, dass erhebliche Anteile von ihnen wenigstens zeitweise leugneten, einer traumatischen Situation ausgesetzt gewesen zu sein. Ob dies nun auf Abwehr oder auf dissoziative Amnesie zurückgeht, ist für eine Untersuchung nebensächlich: wenn man bei dieser Teilgruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Querschnitts-Befragung gemacht hätte, dann hätten deren Ergebnisse erheblich von denjenigen der Längsschnitt-Untersuchung abgewichen. Man hätte ebenso den völlig falschen Schluss ziehen können, sie seien durch das jeweilige (biographisch nachgewiesene) Trauma nicht geschädigt worden.

Die bei Pädophilen weit verbreitete Leugnung, sexueller Missbrauch führe (z.B. in bestimmten Fällen wie "einvernehmlicher" Sex) nicht zu einer Traumatisierung, sollte von Wissenschaftlern nicht unhinterfragt übernommen werden. Klinische Erfahrungen aus Psychiatrien und Trauma-Kliniken belegen das Gegenteil: unter den Trauma-Patienten stellen sexuell Missbrauchte eine sehr große, in manchen Fällen sogar die mit Abstand größte Gruppe. Unter ihnen auch Patienten, die über angeblich "einvernehmlichen" Sex in ihrer Kindheit berichten und betonen, es habe ihnen gar nicht geschadet (besonders häufig bei Männern). Dieses Phänomen der Identifikation mit dem Täter kennen wir auch von anderen Opfer-Gruppen wie z.B. KZ-Opfer, und man sollte keine Fehlschlüsse daraus ziehen.

Weiterhin sollten die Erkenntnisse der Trauma- und Dissoziations-Forschung zum Thema Amnesie von den Aufstellern obiger Behauptung zur Kenntnis genommen werden. Im Fall von Pearl Harbor konnte man durch Aktenbelege nachweisen, dass sich Betroffene trotz ihrer Leugnung dort befanden und Lebensgefahr ausgesetzt waren. Hingegen kann man niemals sicher sein, das vollständige Ausmaß bedrohlichen sexuellen Missbrauchs aufgefunden zu haben. Denn außer dem leugnenden bzw. amnestischen Opfer wird man meistens keine Zeugen haben, und von Tätern werden wohl kaum zuverlässige Auskünfte zu erhalten sein. Bei Babies und Kleinkindern ist die Chance zum Auffinden von sexuellem Missbrauch schon von Natur aus verschwindend gering, da diese oft nicht einmal Worte haben, um ihre Erlebnisse benennen zu können, und ihre Erinnerungen später einer weit reichenden natürlichen Amnesie unterliegen.

Eine Querschnitts-Studie liefert immer nur einen zeitlichen Schnappschuss, der lediglich aufzeigen kann, wie hoch das Ausmaß einer Schädigung mindestens sein dürfte. Daraus mit Hilfe einer logischen Negation eine Aussage über die Unschädlichkeit abzuleiten, ist logisch und methodologisch falsch. Ebenso ist es methodologisch falsch, bei der Negation der Gesamtaussage weiterhin einzelne Symptome getrennt abzuprüfen: in der mathematischen Logik muss ein Existenzquantor bei der Negation in einen Allquantor umgewandelt werden, d.h. man muss sicherstellen, dass für alle möglichen Symptome kein einziges davon beim gleichen Probanden auftritt!

Literatur