Das sogenannte "Stockholm-Syndrom" kommt zur Zeit immer öfters in den Medien zur Sprache. Wieso identifizieren sich Opfer (z.B. von Attentaten / Geiselnahmen, aber auch von Misshandlungen und sexuellem Missbrauch) oftmals mit ihrem Täter, bis hin zur "Liebe" und "Hingabe" an ihn?
Das ist schwer zu verstehen. Am besten mit einem
Als ich 10 Jahre alt war, fuhr meine ganze Familie zu einem Heimatvertriebenen-Treffen. Meine (jüngeren) Schwestern führten dort ihre Ballett-Tänze vor (solche "Einlagen" gehörten zum Image dieser "Musterfamilie"). Ein sehr weitläufiger Verwandter bzw. Bekannter aus diesem Alte-Heimat-Milieu interessierte sich sehr für die Tänze meiner Schwestern (in teilweise sehr knappen Kostümen), spendete spontan 50 Mark und flirtete auch ein wenig mit meiner Mutter. Mit meinem Vater war er sofort per Du und ein ziemlicher Kumpel. Kurze Zeit später kam er dann zum ausgemachten Besuch in mein Elternhaus. Er war sehr großzügig und spendete mehrmals mehrere Hundertmarkscheine "für die Kinder", weil wir doch so tolle Kinder waren. Die Besuche wurden dann zur regelmäßigen Einrichtung, er kam sogar manchmal unter der Woche.
Schon bei diesem Heimat-Treffen hatte er mir in die Hosen gelangt, und ich hatte versucht, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen. Als er aber in der Familie war, gab es kaum noch Auswege. Er wurde sehr schnell sehr zudringlich zu mir, packte mich am Oberarm und am Schultergelenk wenn ich ausweichen wollte. Er wusste genau, wo er zudrücken musste, damit ich gefügig wurde. Von außen sah das so aus, als ob er mich streicheln oder tätscheln würde, aber es konnte bestialisch weh tun, ohne dass man sein Gesicht verziehen durfte. Heute würde ich diesen Typen in die Rubrik "Profi-Täter" einordnen.
Mit meinem Vater hatte er ausgemacht, dass er mit mir "schmusen" durfte, da er ja ein "armer Junggeselle" war, der selber keine Kinder hatte (O-Ton meiner Mutter). Dieses "Schmusen" sah dann so aus, dass ich bei ihm "anfassen" musste (nachdem er das auch bei mir machte), wobei er ziemlich rabiat wurde, wenn ich das nicht schnell genug oder nicht richtig machte. Den Tonfall seiner Kommandos ("packkk annn!!!") werde ich nie vergessen.
Ich habe mich bei meinem Vater darüber beschwert, weil ich nicht glauben konnte, dass das mein Vater nicht mitbekam. Die Antwort meines Vaters: ich bin doch ein Junge, mir macht das doch nichts aus!
Details zu dem, was er mit mir gemacht hat, will ich hier nicht veröffentlichen. Ich kann aber bestätigen, dass es ganz eindeutig gegen die einschlägigen Strafgesetze verstieß (was ich als Kind nur leider nicht wusste).
Das interessierte meinen Vater offenbar nicht. Er spielte ein für mich als Kind kaum durchschaubares Doppelspiel: einerseits warnte er mich davor, mit diesem "Freund" alleine zu sein und insbesondere nicht mit ihm eine "Spazierfahrt" im Auto zu unternehmen, die er mir andauernd anbot. Anfangs wollte ich das überhaupt nicht, ich hatte regelrechten Horror vor dem, was ich schon wusste, dass er dann mit mir machen würde. Später wollte ich aber unbedingt diese Spazierfahrt (zu der es nie kam) mitmachen, weil er mir allerhand tolle Sachen versprochen hatte, die er mit mir unternehmen wollte (zu diesem Zeitpunkt war ich also bereits mit ihm identifiziert). Andererseits hatte mein Vater nichts dagegen, wenn der Typ auch ganz offen mit mir "schmuste", beispielsweise ganz offen bei einem Urlaubs-Dia-Abend, wo die gesamte Familie teilnahm, und wo sein Stöhnen wohl kaum von jemandem überhört werden konnte. Als ich nicht auf seinen Schoß klettern wollte (weil ich schon wusste, dass ich ihm im Halbdunkeln würde "befummeln" müssen), wurde ich von meinem Vater unter Androhung von Schlägen dorthin beordert.
Mein Vater wusste also, was der Typ mit mir machte. Er hatte offenbar nicht wirklich etwas dagegen. Es geschah ganz offen mit dem Einverständnis meines Vaters.
Offenbar dachte mein Vater, dass wohl nichts "Schlimmes" passieren könne, wenn er selber dabei war. Weil da ja "nur" gefummelt wurde. Sowas schadet ja einem Jungen nicht - dachte er.
Er war aber nicht immer dabei.
Und es kam auch zu schweren Traumatisierungen für mich, wie ich erst vor kurzem entdeckt habe (siehe Abspaltungen / Dissoziation).
Die Motivlage ist mir inzwischen recht klar geworden, nachdem ich das in der Therapie durchleutet habe und Erwachsenen-Interpretationen hinzugewonnen habe, die ich als Kind noch nicht gewinnen konnte.
Mein Vater wollte ganz offensichtlich nicht auf das Geld verzichten, das dieser Typ "spendete". Als mein Vater einmal mit etwas nicht einverstanden war, hat dieser Typ vor meinen Augen ein ganzes Bündel von Hundertmarkscheinen aus der Tasche gezogen und immer mehr und immer noch mehr Scheine draufgelegt (es muss die Tausendermarke weit überschritten haben), bis mein Vater schließlich mit ein paar Auflagen zustimmte. Offiziell war das Geld eine Spende für die Kinder, die auf das Sparbuch gelegt werden sollte. Einem so großzügigen Freund, der sich doch soooo um uns sorgte, konnte man doch einen "harmlosen Wunsch" (O-Ton dieses Typen) nicht abschlagen!
Die Geschichte nahm eine rapide Wendung, als folgendes passierte: Meine Oma (die Mutter meines Vaters, nicht die ebenfalls missbrauchende andere Oma) hatte ihn in flagranti erwischt, als er meine Schwester auf ihrem Sofa befummelte. Die Oma war daraufhin so entrüstet, dass sie meinem Vater ins Gewissen redete (obwohl sie sonst in der Familien-Hierarchie die rangniedrigste Erwachsene war), bis dieser schließlich nachgab. Denn wenn der Typ es mit Mädchen machte, dann war das plötzlich auf einmal hundsgemein und pfui, das war meinem Vater dann plötzlich auf einmal klar!
Beim nächsten Besuch kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen meinem Vater und diesem Typen. Mein Vater warf ihm vor, dass nicht "ausgemacht" gewesen sei, dass er auch mit Mädchen schmuste. Er verteidigte sich damit, dass das doch ausgemacht gewesen sei. Jetzt kommt der Hammer, warum ich diese Geschichte hier öffentlich erzähle: in dieser Auseinandersetzung ergriff ich damals innerlich die Partei des Täters, nicht die meines Vaters!!! (dazu später noch mehr)
Ich habe noch richtig die Szene vor Augen, als mein Vater zornig wurde (was bei mir immer Angst hervorrief) und er ihn regelrecht hinauswarf. Der Typ ging dann streckenweise rückwärts hinaus zu seinem Auto, wobei er und mein Vater sich gegenseitig anschrieen (mein Vater: dass er ihn hier nicht mehr sehen wolle!), und er verteidigte sich damit, dass doch alles abgemacht gewesen wäre und er doch dafür "bezahlt" habe und mein Vater die Abmachung einhalten solle! Worauf mein Vater so zornig wurde, dass er ins Haus zurück lief und ein Bündel mit Geldscheinen holte, um es ihm in seine Manteltasche zu stecken, als er schon in seinem Auto saß, was er aber nicht akzeptieren wollte und die Autotür zumachte, worauf es durch die offene Fensterscheibe weiterging bis der Typ dann endlich das Weite suchte.
Er kam dann noch einmal unter der Woche, um meine Mutter zu bezirzen, aber die schmetterte ihn auch ab.
Es gab noch eine "Nachbearbeitung" durch eine von meinem Vater geleitete "Familienkonferenz", die etwa folgendermaßen aussah: Was dieser Kerl mit meiner Schwester gemacht hatte und was er mit meiner anderen (noch jüngeren) Schwester machen wollte, war extrem schlimm. Wenn mein Vater das nur früher bemerkt hätte, was dieser Kerl mit den Mädchen vorhatte..... Von mir und was er mit mir ganz real gemacht hatte war erstmal keine Rede. Als ich mich dann meldete und das zögerlich zur Sprache brachte, kam sehr zögerlich von meinem Vater als Antwort, dass das wohl ein "175er" sei und man das einem Menschen nicht so leicht ansehen könne. Da ich damals als Kind nicht wusste, was ein 175er war, hat mir das mein Vater nach weiterem Zögern erklärt (anscheinend war das die Nummer des alten Strafgesetz-Paragraphen, der früher Homosexualität unter Strafe gestellt hatte). Das war dann der Abschluss dieser Aufarbeitung. Aus heutiger Sicht würde ich beim sachlichen Teil dieser Einschätzung ganz klar auf Pädophilie tippen. Die übrigen Teile dieser Geschichte hätte ich besser unter der Rubrik Verdrehungen beschreiben können.
Das ist für mich sehr schwer zu beschreiben.
Es war eine Beziehung, allerdings eine destruktive Beziehung. Eine, die durch Gewalt zustande kam.
Erklärt das vollständig, warum ich als Kind bei dem "Rausschmiss" innerlich die Partei dieses Typen ergriffen habe?
Rein von der Beziehungs-Bande her hätte ich zu meinem Vater halten müssen, denn er stand mir näher. Es was etwas anderes: mir hat einfach dieser "arme Kerl" leid getan, denn ich war ihm innerlich zu Loyalität verpflichtet und ich wollte ihn schützen!!!
Das Grundmuster ist also: eigenes Leid vollkommen ignorieren, vielleicht auch abspalten / dissoziieren. Dafür die Ansichten und Einstellungen des Täters oder Co-Täters übernehmen, die Täter- und Opfer-Rollen miteinander verwechseln und schließlich auch im Sinne des Täters zu agieren!
Warum? Wozu?
Gute Frage. Ich habe einige Erklärungen für dieses schon lange bekannte und häufig bei Überlebenden (z.B. auch bei KZ-Überlebenden) beobachtete Phänomen (das neuerdings unter dem Namen "Stockholm-Syndrom" populär wurde) in schlauen Büchern gelesen, die mir einerseits zwar einleuchten, mir aber andererseits nicht wirklich die Tiefe und Bandbreite dieses Rätsels erklären können.
Die bekannten Theorien mit den Objekt-Beziehungen und den Introjekten (wie das im Fachjargon heißt) haben nach meiner Ansicht einen Schönheitsfehler: sie erklären nicht bzw. nicht ausreichend, weshalb solche Identifikationen auch bei beobachteten Täter-Opfer-Dynamiken geschehen können, wenn man selber gar nicht direkt beteiligt ist!
Ich habe noch keine endgültige Antwort auf diese Frage gefunden, sondern möchte hier nur meine Gedanken dazu äußern.
Die Mutter aller Triebe ist der Selbsterhaltungstrieb sowie der Gruppen- oder Arterhaltungstrieb. Ohne letzteren würde z.B. der Leitbulle einer Herde nicht den Kampf mit Raubtieren aufnehmen oder eine Mutter nicht ihr Kind verteidigen und sich dabei selbst in Gefahr bringen. Es gibt also auch in der Natur Fälle, wo die individuelle Selbsterhaltung zugunsten einer "höherwertigen" Erhaltung aufgegeben wird. Ich könnte mir vorstellen, dass dazu eine ähnliche Verleugnung der eigenen Leiden notwendig ist, wie ich sie bei mir selbst im geschilderten Fall beobachtet habe.
Auch die Unterordnung unter das Leittier in einer Herden-Hierarchie verlangt oftmals Selbstverleugnung. Eine These wäre also, dass dieser Täter bei mir die Rolle des "Leittieres" übernommen haben könnte. Zwar hatten ansonsten meine Eltern diese Rolle inne, aber dieser Typ hat ja Dinge mit mir gemacht, die "neuartig" (wenn auch nicht im positiven Sinne) für mich waren, sozusagen "Erkundung eines fremden Gebiets", vor dem ich ziemlich Angst und Panik hatte (u.a. wegen der Vorbelastung durch die anderen Missbräuche). Als Kind war ich einfach so zutraulich wie jedes andere Kind: ich habe dem Täter regelrecht vertraut, weil ich das einfach musste und gar nicht anders konnte (einen anderen Halt gab es ja nicht). Eine Herde vertraut auch ihrem Leittier, dass es sie beschützt. Jungtiere können sich selber noch kaum wehren, brauchen dieses Vertrauen also ganz besonders - sind sogar existentiell von diesem Vertrauen abhängig! Dieses Vertrauen bewirkt einige uralte von der Evolution entwicklete unbewusste Grundeinstellungen: wenn Gefahr kommt, dann ist nicht das Leittier schuld, sondern es muss im Gegenteil zur Gefahrenabwehr unterstützt werden und seine Anweisungen befolgt werden. Diese Merkmale treffen in meinem Fall alle zu. Ich habe nicht durchschaut, dass die existentielle Gefahr in Wirklichkeit von dem Leittier ausging. Da die Gefahr sehr heftig war, habe ich mich ihm instinktiv anvertraut, da er mir der Retter aus dieser Gefahr zu sein schien.
Die Perversion besteht darin, dass der "Beschützer" in Wirklichkeit der Angreifer war, nur habe ich als Kind den Angriff nicht ihm zugeordnet (wahrscheinlich hätte ich das auch nicht können). Denn dass erwachsene Leittiere gelegentlich auch schmerzvolle Opfer verlangen, damit die Herde als Ganzes überleben kann (bzw. es zumindest so erscheint oder dargestellt wird), ist die Erfahrung beinahe jedes Kindes.
Nach dieser These tritt der Angreifer als Führer auf, der diese Rolle zum versteckten Angriff ausnutzt. Dies funktioniert nur, wenn das angegriffene Herdentier die wirkliche Ursache des Angriffs nicht erkennen kann und nur allgemeine Angst und Panik hat. Im Falle von Missbrauchs-Überlebenden spielt die bekannte "Blindheit" gegenüber der Aggression, die bei andauernder Reizüberflutung gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird, diese Rolle. Ein Missbrauchs-Opfer hat praktisch keine Chance, sich zur Wehr zu setzen, und ist auf "Retter" gerade besonders angewiesen, was den ganzen Kreislauf wiederum verstärkt. Eine teuflische Falle!
Diese Führer-These (siehe auch Drittes Reich) würde jedenfalls erklären, weshalb Täter-Identifikationen gelegentlich auch bei beobachteten Auseinandersetzungen im eigenen Nahbereich vorkommen, wenn man selber gar nicht direkt angegriffen wird. Da der Täter meist das stärkere Leittier ist (sonst könnte er ja seine Tat nicht verrichten), wird die Unterstützungs-Funktion zu Gunsten des Leittieres (mithin zu seinen Gunsten) ausgelöst, da dieser Mechanismus entwicklungsgeschichtlich zum Gruppen-Überleben lange notwendig war.
Die entscheidende Zutat ist hierbei die gestörte oder noch nicht entwickelte Wahrnehmung, die es dem Unterstützer gestattet, den Angreifer fälschlich für den Retter zu halten. Im Falle von gestörter Wahrnehmung könnten die bekannten Thesen zu den Introjekten durchaus eine Rolle spielen. Viele Täter verwirren die Wahrnehmung ihrer Opfer und Unterstützer ganz bewusst und verheimlichen Informationen, die zur Aufdeckung führen könnten.
Damit wären auch einige andere Phänomene wie die Unterstützung von Tätern durch Co-Täter zumindest in einigen Fällen erklärbar.
Ganz unabhängig von all den Theorien: Ich glaube, über Konsequenzen ist immer noch nicht genügend nachgedacht worden. Mir ist klar, dass es keine Patentlösung gibt und für alle Fälle geben kann. Der Wirkungsbereich der geschilderten Grundmechanismen ist ja sehr breit; nicht zuletzt ist im Zeitalter der Atomwaffen und der Selbstmord-Attentäter auch die Existenz der gesamten Menschheit durch Herden-Effekte mit zerstörerisch wirkenden Leittieren gefährdet.
Als Überlebender von sexuellem Missbrauch sollte man sich im klaren sein, dass man solche Identifikationen mit dem Täter in sich herumtragen kann, ohne es zu bemerken.
Betroffene sind im Regelfall auf eine professionelle Therapie angewiesen, um dies auflösen zu können. Mit dafür ausgebildeten Therapeuten sieht es aber noch knapp aus. Der Studienplan so mancher Hochschule sollte im Hinblick auf die breiten Anforderungen an Missbrauchs-Therapie überarbeitet und modernisiert werden, insbesondere sollte Traumatologie zum Pflichtfach in jedem Psychologie- und Medizin-Studium werden und Trauma-Therapie zum Pflichtfach in jeder Therapeuten-Ausbildung. Wer die Ergebnisse der Dunkelfeld-Untersuchungen über sexuellen Missbrauch kennt, der müsste sich im klaren sein, dass wir es hier mit einer Volks-Seuche zu tun haben, gegen die auf breiter Front etwas unternommen werden muss.
Zum Schluss noch ein Satz an alle Überlebenden: bevor ihr auf jemand anderen eindrescht, weil ihr vor ihm existentielle Angst bekommen habt oder weil euch ein anderer vor ihm "gewarnt" hat, hinterfragt bitte doppelt und dreifach, ob es nicht vielleicht auch eine Verwechslung sein könnte! Nicht dass in Wirklichkeit derjenige, der euch dazu anstiftet, in Wirklichkeit die Täter-Rolle unter dem Deckmantel des Leittieres spielt - ohne dass ihr es merkt. Man kann Konflikte auch ohne Tiefschläge unter der Gürtellinie lösen! Auch zum Selbstschutz sind Tiefschläge nicht immer unbedingt notwendig. Wenn ihr solche Tiefschläge zwischen anderen beobachtet, dann hinterfragt die Behauptungen der Konfliktparteien und achtet lieber auf das, was sie tun und wie sie miteinander umgehen, nicht auf das was sie reden und behaupten! Schärft eure Wahrnehmung dafür, wer in Wirklichkeit die Schläge unter der Gürtellinie austeilt: das muss nicht mit den zugehörigen Behauptungen übereinstimmen!