Fast alle Überlebende von sexuellem Missbrauch geraten im Laufe ihres Lebens in schwere Krisen und Depressionen. In diesem Artikel geht es um ein sehr wirksames Mittel, wie man diese überwinden kann. Ich kenne kein besseres.
Ressourcen sind Hilfsmittel und Kräfte / Energien, die einem zur Verfügung stehen, um sein Leben meistern zu können.
Es gibt innere und äußere Ressourcen. Obwohl äußere Ressourcen wie finanzielle Mittel und ein soziales Netz (Freundeskreis) auch eine Rolle spielen, geht es in diesem Artikel hauptsächlich um innere Ressourcen. Im Unterschied zu den äußeren Ressourcen gibt es davon beinahe beliebig viel; man muss sie nur aufschließen und verfügbar machen.
Beispiele für innere Ressourcen sind Lebenskraft und Lebensfreude, Energie, Optimismus, die Fähigkeit sich anderen mitzuteilen und von ihnen das zu bekommen was man an anderen Ressourcen braucht, sich angemessen zu wehren, und vieles andere. Innere Ressourcen sind das, woraus man sein Leben schöpft, und zwar aus sich selber heraus.
Am besten zusammen mit einem Therapeuten, der einem dabei hilft, sich genau die Ressourcen zu erarbeiten, die man braucht. Die Bedürfnisse sind individuell unterschiedlich, und das Erarbeiten von Ressourcen verläuft bei jedem anders.
In der Fachsprache sagt man "Erarbeiten"; das ist aber etwas irreführend. In Wirklichkeit werden Ressourcen oft nicht erarbeitet, sondern aufgedeckt. Sie sind nämlich in Wirklichkeit meist schon da, nur ziemlich verschüttet. Viele Überlebende glauben in ihrer Krise, sie hätten keine Ressourcen; dabei haben gerade Überlebende besonders viele Ressourcen, die ihnen bisher das (Über-)Leben ermöglicht und sie getragen haben. Diese Ressourcen sind lediglich verschüttet und nicht zugänglich. Ohne diese Ressourcen würden sie nicht mehr leben!
Das Zugänglichmachen dieser verschütteten Ressourcen ist also die erste und wichtigste Aufgabe; danach kann man sich auch neue Ressourcen erarbeiten.
Es gibt eine Reihe von therapeutischen Standard-Techniken, wie man zu inneren Ressourcen gelangen kann und damit die Krise und die Depression sehr leicht überwinden kann. Aus den sehr vielen Techniken behandele ich hier hauptsächlich nur einige von denen, die mir selber auf meinem Heilungsweg geholfen haben.
Diese von vielen Therapie-Richtungen empfohlene Übung wird meist als Imaginations-Übung gestaltet. Man stellt sich vor, an einem sicheren Ort zu sein, wo niemand einem etwas anhaben kann. Dies kann auf alle mögliche Weisen ausgestaltet sein, z.B. durch Wachtposten oder durch einen für Täter unerreichbaren Ort.
Es wird jedoch empfohlen, sich so einen sicheren Ort auch im RL (realen Leben) zu schaffen. Dazu sind meist sehr individuelle Maßnahmen zu ergreifen, beispielsweise eine Telefon-Geheimnummer, besondere Sicherheits-Schlösser, oder anderes.
Ich selbst habe mit dem sicheren Ort kaum Erfahrungen, weil ich diesen übersprungen und gleich das Umkehren der Opferrolle geübt habe.
Man kann die Opfer-Rolle nur verlassen, wenn man einen Rollentausch mit dem Täter macht; allerdings sollte das nur in der Übertragung geschehen.
Ich hatte davor ganz besonders große Hemmungen. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich es geschafft habe, meinen Vater in der Übertragung zu verprügeln. Bei meiner Mutter hat es besonders lange gedauert, bis ich da die Rolle umkehren konnte, obwohl sie mir noch weit schlimmeres angetan hat als mein Vater. Als es dann endlich ging, wollte ich nur noch eines: sie erstechen. Mit dem Messer. Einfach abmurksen. Einfach so. Damit endlich Ruhe ist.
Dieses Gefühl kann ich mir heute ohne Gewissensbisse zugestehen. Erstens findet es nur in der Übertragung statt; im realen Leben treffe ich meine Eltern nicht mehr und kann das rein von daher schon nicht ausleben. Zweitens ist es zu meiner Heilung notwendig. Not-Wendig. Im wörtlichen Sinne: um meine Not zu wenden.
Diese Gefühle sind auf der "Dinosaurier-Ebene" angesiedelt, und es ist unbedingt notwendig, sich mit dieser Ebene und ihren Gesetzen zu befassen. Als Kulturmenschen wurde uns eingetrichtert, dass man seine niederen Triebe gefälligst zu beherrschen habe. Wenn man aber genau hinsieht, dann bemerkt man, dass das, was die Täter unsereinem angetan haben, genau auf dieser Dinosaurier-Ebene stattgefunden hat. Einfach nur bestialisch, animalisch. Die Täter machen das einfach, ohne sich um Kultur zu scheren. Man kann nur heilen, wenn man sich auch auf dieser Ebene zu wehren lernt.
Die Gesetze auf der Dinosaurier-Ebene sind nun einmal so, dass man sich oft nur dadurch verteidigen kann, dass man den anderen abmurkst. Wenn es auf Leben und Tod geht, dann geht es auf Leben und Tod. So einfach ist das. Was meine Mutter mit mir getan hat, das ging auf Leben und Tod, und zwar ganz real (siehe hier); ich wäre fast daran gestorben. Deswegen habe ich das Recht, ihr in der Übertragung das gleiche zu tun.
Was in der Übertragung geschieht, schadet niemandem real. Und es ist notwendig zur Heilung. Ich behaupte, dass es ohne diese Ebene nicht geht.
Als Kind war ich nur leider schwächer und konnte mich nicht wirksam wehren. Heute kann ich das nachholen, zwar nicht real, aber wenigstens in der Übertragung.
Der Erfolg dieser Umkehrung ist, dass mir nun die inneren Ressourcen zur Verfügung stehen, die vorher mit dem Gleichgewichthalten gebunden waren. Ich spüre heute bei jedem Schritt und Tritt, dass ich mich selbst verteidigen kann und notfalls auch darf. Mir kann keiner etwas anhaben. Ich wehre mich, wenn es sein muss, notfalls auch auf der Dinosaurier-Ebene.
Einige Therapeuten schrecken offenbar davor zurück, sich auf die Dinosaurier-Ebene zu begeben, und machen lieber monatelange "sicherer Ort" oder "Tresor"-Übungen. Es mag sein, dass manche Überlebende den sicheren Ort vielleicht als notwendige Voraussetzung brauchen, um überhaupt therapeutisch arbeiten zu können; den eigentlichen Heilungserfolg bringt aber nur die Umkehrung der Opferrolle.
Wer sich selbst jederzeit verteidigen kann und sich stark fühlt, der braucht keinen speziellen sicheren Ort mehr, weil er überall sicher ist. Das erklärt auch, warum ich meinen relativ schnellen Heilungserfolg ohne den sicheren Ort geschafft habe, auf dem manch andere Therapeuten so wahnsinnig herumreiten.
Wer sich stark fühlt, der kommt mit den Anforderungen des Lebens zurecht. Die Depression ist damit beendet. Er kann auch Belastungen besser verkraften. Krisen werden immer seltener.
Über einige weitere Ressourcen gibt es eigene Artikel: Selbstwert, Durchbrechen der Schweigemauer, Umwandlung von Angst in positive Energien.
Man kann sich auch per Selbsthilfe Ressourcen erarbeiten. Allerdings ist das ohne die Spiegelung durch einen erfahrenen Therapeuten weit schwieriger als man glauben mag. Viele Störfaktoren und Hemmnisse / Blockaden lassen sich besser lösen, positive Energien leichter aktivieren, wenn einem jemand dabei hilft.
Mit guter professioneller ressourcen-orientierter Therapie, ggf unterstützt durch Trauma-Therapie, lassen sich vergleichsweise schnelle Erfolge erzielen. Das ressourcen-orientierte Vorgehen kommt den Bedürfnissen des in der Krise steckenden Überlebenden sehr entgegen und stellt oft eine regelrechte Wohltat für ihn dar.
Ich möchte sogar soweit gehen zu behaupten: Ressourcen sind das A und O des Heilungserfolges!
Deshalb: hol dir und aktiviere dir deine Ressourcen, die du hast und die dir zustehen!