Schweigen

Opfer von sexuellem Missbrauch schweigen aus mehreren Gründen: es gibt die Schweigegebote und Drohungen der Täter (die manchmal sehr tief ins Unterbewusstsein einprogrammiert wurden), es gibt die Angst vor sogenannten "Falschbeschuldigungen" (da viele am Anfang ihren eigenen Erinnerungen nicht trauen), und es gibt oft auch eine gewaltige Angst vor den Reaktionen der anderen, falls der Missbrauch aufgedeckt würde.

Leider ist die Angst vor den Reaktionen der Umwelt nicht ganz unbegründet, wie ich durch meine eigene Geschichte bestätigen kann.

Die Heilung von den Folgen sexueller Übergriffe kann aber nur gelingen, wenn das Schweigen durchbrochen wird. Wer glaubt, die Heilung alleine mit sich selbst ausmachen zu können, unterliegt einem fatalen Irrtum. Schwere Körperverletzungen wie Knochenbrüche heilen auch nicht von selbst, sondern benötigen Hilfe zur Heilung von außen. Missbrauch richtet nicht nur tiefe seelische Verwüstungen an, sondern kann sogar nachweisbare organische Veränderungen im Gehirn hervorrufen.

Ein weiteres Problem sind die häufig vorkommenden Leugnungen, Umdeutungen und Bagatellisierungen, die gerade auch in der sozialen Umgebung oft weit verbreitet sind. Manche erwachsenen Opfer stecken in destruktiven Beziehungen, manchmal sogar mit dem Täter aus der Kindheit. In einer solchen sozialen Umgebung gehört Schweigen zu den Mitteln sozialer Kontrolle, aus der man sich nicht so leicht lösen kann. Es hat eine gewisse Verwandtschaft mit Schweigegeboten in Mafia-Strukturen. Wer versuchen würde, das Schweigegebot zu durchbrechen, würde von der Gruppe bestraft. Aber auch ohne eine solche soziale Umgebung kann das Durchbrechen des Schweigens sehr schwierig sein.

Was bewirkt Schweigen?

Wer weiterhin schweigt, hat davon einige kurzfristige Vorteile. Der langfristige Nachteil ist für manche Opfer zwar zu sehen, stellt aber eine zu schwache Motivation dar, um das Schweigen zu durchbrechen.

Dabei gibt es auch kurzfristige Nachteile. Man ist sich deren aber meist nicht bewusst.

Ein wichtiger Dauer-Nachteil ist die innere Unruhe, Unzufriedenheit und innere Unausgeglichenheit, die sich in vielfältiger Weise ausdrücken kann. Missbrauch stört unter anderem auch das seelische Gleichgewicht auf viel schwerere Weise als man gerne wahrhaben möchte. Das Gleichgewicht lässt sich aber nur durch echte tiefgehende Verarbeitung der seelischen Wunden wiederfinden.

Wer von einer Krise in die nächste stolpert, sollte sich den Zusammenhang mit dem Missbrauch klar machen. Leider kurieren viele Überlebende an den Folge-Symptomen wie Essstörungen, Süchte, Selbstverletzung, psychiatrischen Diagnosen, unerklärliche psychosomatische Erkrankungen, und vieles andere herum, anstatt sich mit den Ursachen zu beschäftigen. Schweigen über den Missbrauch ist eine der Ursachen für die Folge-Symptome, denn Schweigen ist die Grundvoraussetzung dafür, dass eine Bewältigung des Traumas nicht stattfinden kann!

Wie kann man das Schweigen durchbrechen?

Ein erster Schritt kann sein, etwas über Missbrauch und seine Folgen zu lesen, z.B. im Internet oder in Fachbüchern. Dieser Schritt kann helfen, die vielen Berührungsängste mit dem Thema abzubauen. Oft hilft es auch zu sehen, wie es anderen Opfern geht und dass man nicht alleine ist.

Sodann ist es wichtig, jemanden zu finden, dem man vertrauen kann, und der dieses Vertrauen auch verdient. Das Vertrauen von Missbrauchs-Opfern ist oft nicht ohne Grund gestört: schließlich findet Missbrauch in einer Beziehung statt. Missbrauch ist auch ein grundlegender Vertrauens-Missbrauch, der bis in die tiefsten Schichten geht und die Beziehungs-Fähigkeit eines Menschen bis ins Innerste ruinieren kann (vor allem, wenn er bereits in sehr frühem Alter stattgefunden hat).

Wenn es in der momentanen sozialen Nah-Umgebung niemanden gibt, von dem man das Gefühl hat, dass man ihm wirklich vertrauen kann, dann sollte man versuchen, solche Kontakte herzustellen. Bevor jemand bereit für eine Therapie ist, können Selbsthilfegruppen, eventuell auch Diskussionsforen im Internet hilfreich sein (von Selbsthilfe-Chats kann ich dagegen nur abraten).

Selbsthilfe-Angebote haben ihre Grenzen. Andere Überlebende können zwar dabei helfen, das Schweigen zu brechen und Dinge in Bewegung zu setzen, haben aber normalerweise nicht die Mittel und die Ausbildung, um bei der Heilung der vielfältigen Schädigungen wirksam helfen zu können. Wem es nur irgendwie möglich ist, solltest du Therapie machen.