Über diese Thematik steht viel in Fachbüchern. Fast alle Überlebenden von sexuellem Missbrauch haben damit in irgend einer Form zu tun. Was es aber wirklich bedeutet, das merken Betroffene wie ich oft nicht oder nur teilweise.....
Ich schreibe hier bewusst nicht im Stil von Fachbüchern über das Thema, sondern gewissermassen auf etwas elementarerem Niveau, auch mit drastischen Ausdrücken.
Missbrauch ist nicht die einzige mögliche Ursache dafür, aber auf jeden Fall eine sehr wirksame. Körperliche Misshandlungen und Schläge, aber auch seelische Verletzungen und Abwertungen können das ebenfalls verursachen. Ein Missbrauchs-Täter behandelt sein Opfer besonders abwertend, wie ein Stück Scheiße -- bei mir sogar buchstäblich im Sinne des Wortes.
Was drückt der Missbrauch aus? Dass man mit dem das machen kann -- dass er nichts wert ist, außer vielleicht für sowas.
Eben Abwertung pur.
Auch wenn viele Verdrehungen von Täter-Lobbyisten das Gegenteil suggerieren, so bleibt dies im Bodensatz zurück. Das Selbstgefühl lässt sich nicht wirklich belügen. Die Abwertung fand wirklich statt! Aber sie war nicht gerechtfertigt! Niemand darf einen anderen Menschen so behandeln, wie es Täter tun!
Die Abwertung geschieht beim Missbrauch nicht nur durch Worte, sondern ganz real. Es geschieht am Körper, an der Seele, an der ganzen Person.
Auf keinem Gebiet sind Kinder empfindlicher und verletzlicher als wenn ihre Selbstachtung in Frage gestellt wird. Selbstachtung ist die Grundlage der Existenzberechtigung.
Ich glaube auch, dass Selbstmord-Gedanken sehr mit zerstörter Selbstachtung zusammenhängen.
Wer zerstörte Selbstachtung bei sich entdeckt, sollte nach den Ursachen forschen, denn es ist sehr wichtig, diese für eine zielgerichtete Behandlung zu kennen. Nicht immer ist sexueller Missbrauch im Spiel (auch wüste Beschimpfungen, Verspottungen, Schläge, "Brechen des Widerstands" bei Kleinkindern und andere Traumatisierungen können ähnliche Folgen haben), aber man sollte Missbrauch als potentielle Ursache nicht von vornherein ausschließen. Sonst bekommt man nicht das richtige Gegenmittel. Angst und Abwehr haben schon viele mögliche Heilungen verhindert.
Wer sexuellen Missbrauch erlebt hat (oder einen Verdacht in dieser Richtung hat), sollte seine Behandlung auf jeden Fall danach richten und nicht nach den unzähligen anderen Folgesymptomen. Denn nichts schädigt die Selbstachtung so sehr, als gegen seinen Willen als sexuelles Objekt benutzt zu werden.
Echter Selbstwert hängt nicht von den erbrachten Leistungen ab, auch nicht von der sozialen Stellung in einer Gruppe, oder was man "im Leben erreicht" hat.
Der erste Schritt ist Einsicht in seine Situation. Es bedeutet, die Selbstgefühle überhaupt erst einmal wahrzunehmen. Vielleicht klingt es für Außenstehende lachhaft, aber genau das kann bei Abspaltungen und Dissoziation ein schwieriges Problem darstellen. Viele fühlen sich so, als ob der Selbstwert zu Recht so gering sei - das ist aber nicht so! Das ist nur so vom Täter eingeimpft!
Weiterhin ist es sehr vorteilhaft, die Ursachen für reale Abwertungen aufzudecken, die in der Kindheit stattgefunden haben, und diese aus Erwachsenen-Sicht neu durchzuarbeiten und ganz anders zu bewerten als es damals möglich war (siehe Therapie).
Wenn die alten Selbstgefühle aufbrechen (vgl. den Begriff "falsches Selbst" bei Alice Miller), kommen so typische Gefühle hoch wie das Gefühl, jahrelang überhaupt nicht gelebt zu haben. Das sind die ersten Anzeichen der beginnenden Heilung. Die Selbst-Wahrnehmung beginnt nun.
Sodann braucht man unbedingt eine wertschätzende soziale Umgebung. Zerstörte Selbstachtung wird fast immer durch zerstörerische Beziehungen verursacht. Wer aktuell in solchen Beziehungen steckt, kann nicht wirklich heilen.
Der Aufbau eines gesunden Selbstwertes kann je nach Ausmaß der Schäden ziemlich langwierig sein. Hauptsache, man fängt damit an. Hauptsache, man lässt sich auch nicht durch Rückfälle in alte Selbstbeschädigungs-Muster demotivieren. Einfach immer wieder aufstehen, sich klarmachen, dass man wie jeder Mensch ein Anrecht auf Menschenwürde hat.
Suche dir einen Therapeuten, der dir dabei hilft, deine Ressourcen zu entdecken, zu denen auch der Selbstwert gehört. Das Durchschauen der eigenen Selbstbeschädigungs-Muster ist sehr schwierig. Du brauchst jemanden, dem du vertrauen kannst, der dich dabei unterstützt und aufbaut.
Höre auf, dich selbst abzuwerten, und fange an, für dich selbst zu sorgen, wie es liebevolle Eltern hätten tun sollen.
Ich glaube, dass letztlich nur Gegen-Erfahrungen gegen die Missbrauchs- und Misshandlungs-Erfahrungen helfen.
Susan Forward: Vergiftete Kindheit. Elterliche Macht und ihre Folgen. Goldmann Taschenbuch 1993.