Was ist Liebe?


scio nescio

Ich möchte auf diese Frage keine Antwort geben, sondern aufrütteln. Warum? Weil ich die Antwort schlichtweg nicht weiß.

Damit sind wir auch schon beim Thema: was Überlebende für Liebe halten, ist oft in Wirklichkeit keine. Diese Erkenntnis habe ich am eigenen Leib gespürt. Allerdings hat es ziemlich lange gedauert, bis ich das erkannt habe.

Weshalb?

Was mir meine Eltern als Kind vorgelebt haben, kann niemals "reine Liebe" gewesen sein. Es war durchmischt mit Jauche. Sexueller Missbrauch ist so ziemlich das übelste Gegenteil von Liebe. Das werden die meisten Leser wohl kaum abstreiten!

Wenn man einen Esslöffel Jauche in ein Fass Zuckerwasser gießt, dann ist nachher alles Jauche (d.h. ungenießbar).

Dieses drastische Beispiel erklärt, wo mein Problem und sicher auch das Problem vieler anderer Überlebender sitzt: wer von klein auf diese Jauche zu trinken bekommen hat, der gewöhnt sich so daran, dass er es für Zuckerwasser hält. Schließlich ist ja auch nahrhafter Zucker drin! Und bei den anderen Beimischungen stumpfen die Geschmacks- und Geruchsnerven durch die Gewöhnung irgendwann total ab.

In einem Bergwerk wurden nach einem Grubenunglück einmal überraschend verschüttete Bergleute gefunden und gerettet, die dort unten fast einen ganzen Monat verbracht hatten, ohne Wasser und ohne Nahrung. Sie hatten trotzdem überlebt! Wieso? So lange kann es doch kein Mensch ohne Wasser aushalten. Des Rätsels Lösung: sie hatten ständig ihren eigenen Urin getrunken, um den Wasserverlust in Grenzen zu halten. Sie waren total mit Harnstoff vollgepumpt und hatten bei ihrer Rettung eine unbeschreibliche Gesichtsfarbe und konnten kaum noch laufen, aber sie haben überlebt!

Liebe und Zuwendung sind für Kinder so lebensnotwendig wie Wasser. Bevor Kinder verdursten, trinken sie auch dieses Jauchen-Gemisch. Der Mensch hat eine erstaunliche Fähigkeit, auch unter den ungünstigsten Umständen zu überleben. Nur zu welchem Preis!

Einer der Folgen ist die Abstumpfung der Geschmacks- und Geruchsnerven. Dies macht Überlebende anfällig für Wiederholungen.

Wie jeder Mensch sehne ich mich nach erfüllenden Beziehungen und Bindungen. Diese Sehnsucht ist mir als Kind nicht wirklich erfüllt worden, außer in verdrehter Form. Jemand hat nicht nur meinen Körper missbraucht, sondern auch meine Beziehungsfähigkeit und meine Bindungsfähigkeit, die ich als Kind hatte und lebensnotwendig brauchte!

Nicht ohne Grund wird sexueller Missbrauch auch als Seelenmord bezeichnet.

Bindungen sind gerade für Überlebende besonders wichtig, daher ist es enorm schwierig, sich aus einer zerstörerischen Beziehung mit starker Bindung zu befreien.

Liebe ist aber nicht dasselbe wie Bindung! Ganz sicher nicht! Denn sonst gäbe es keinen sexuellen Missbrauch.

Was ist Liebe dann?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sie nicht stinkt. Wenn ich nichts rieche, beweist das aber noch lange nicht, dass es Liebe sein muss. Durch meine Therapie gewinne ich langsam wieder mehr Zutrauen zu meinen Geschmacksnerven, die sich schon ein wenig verändert haben. Heute rieche ich Gestank an Stellen, wo ich früher nichts bemerkt hätte.

Etwas anderes weiß ich auch: Liebe kann man weder kaufen noch fordern, und schon gar nicht erzwingen.

Immer wieder treten Leute auf, die behaupten, dies oder das sei Liebe (z.B. "Gott ist die Liebe" usw.) und so tun, als würden sie sich in dieser Frage ganz besonders gut auskennen. Ich lasse mich von denen nicht mehr einlullen und einfangen. Ich bin lange genug eingelullt und ausgenutzt worden. Wenn ich erkenne, dass etwas eine Fata Morgana ist, dann renne ich ihr nicht mehr nach, sondern suche lieber nach der Quelle zu meinen Füßen, die ich bisher nur noch nicht entdeckt hatte. Mein Gottesbild, das ich früher hatte, ist von Jauche und Gestank durchzogen. Jauche trinke ich nicht mehr, sobald ich sie erkenne. Das tue ich mir nicht mehr an. Das ist das Mindeste an Selbstliebe, was ich mir selber schulde.

Eins weiß ich auch: ohne gesunde Selbstliebe kann ich keinen anderen wirklich lieben. Der Missbrauch hat mich leider dazu gebracht, mich selber zu hassen. Das muss sich erst einmal grundlegend ändern, bis in die tiefsten Schichten meines Unterbewusstseins und auch meines misshandelten Körpers hinein.