Scham und Schamgefühle

Dieses Feld ist von einigen Ideologien vorbesetzt, besonders von von christlichen (und anderen religiösen) Ideologien. Erst seit kurzem habe ich erkannt, dass ich von diesem Thema stärker betroffen bin, als ich bisher wahr haben wollte. Allerdings auf andere Weise, als es die Kirchen lehren.

Wenn man als Kind von einem Erwachsenen (z.B. seiner Mutter) gezwungen wird, etwas zu tun, wofür sich jeder Mensch (gerade auch ein Kind!) schämen würde, dann kann das nicht spurlos an einem vorüber gehen.

Was ist der Kern der Scham?

Gute Frage. Es hat auf jeden Fall etwas mit dem Selbstwert-Gefühl zu tun. Scham entsteht, wenn die Intimsphäre verletzt wird. Wenn also die eigenen Schutz-Grenzen für die Persönlichkeits-Sphäre massiv überschritten werden. Das Schamgefühl taucht bei allen Völkern (einschließlich Naturvölkern) auf; daher nehme ich an, dass die Scham prinzipiell angeboren ist und von innen kommt, auch wenn die Schamgrenzen bei verschiedenen Kulturen anders verlaufen.

Es kann auch kulturbedingte und von außen "implantierte" Botschaften geben; bei so etwas elementarem wie Inzest gehe ich aber davon aus, dass die Scham als Reaktion darauf nicht kulturbedingt oder anerzogen ist, sondern grundsätzlich von innen kommt. Das schließt aber zusätzlich implantierte Schamgefühle (wie z.B. bei einer Zwangsbeichte) nicht aus.

Der Kern meiner Scham scheint mir eine innere Spaltung zu sein, ein Spaltung mit mir selbst. Und zwar auf psychischer Ebene. Ein Teil meines Selbst arbeitete gegen das andere, weil es musste. Es musste das tun, um zu überleben. Es tat etwas, was ein anderer Teil nicht gutheißen konnte. Mehr noch: was ein anderer Teil von mir verabscheute.

Wenn man mit einem anderen Menschen zusammen lebt, der etwas tut, was man im tiefsten Inneren verabscheut, dann kann man sich von dieser Person trennen (das geschieht z.B. bei einer Scheidung). Seine eigenen verabscheuten Persönlichkeitanteile kann man jedoch nicht loskriegen.

Genau da sitzt das Problem.

Andere Menschen kann man nicht ändern. Sich selbst und seine Persönlichkeitsanteile aber schon. Und man kann sich mit sich selber versöhnen.

Wie kommt man aus Schamgefühlen heraus?

Ich habe damit noch wenig praktische Erfahrung. Die Standard-Rezepte aus der Missbrauchs-Literatur versuchen, die negative Kognition der Scham in eine positive umzuwandeln, beispielsweise indem man sich klar macht, dass es eigentlich der Täter war, der das Schamhafte verusacht hat. Die Verantwortung trägt der Täter, denn ein Kind hat keine!

Rein verstandesmäßig ist das völlig klar, und ich weiß das schon lange.

Das Problem ist nur, dass sich sehr tief sitzende Schamgefühle nicht so einfach überlisten lassen. Kognitive Verhaltenstherapie stößt immer da auf Grenzen, wo die Tiefenschichten der Psyche traumatisiert und programmiert worden sind.

Tatsache ist, dass ich als Kind in der Not etwas getan habe, das ich verabscheue und das ich ansonsten nicht getan hätte. Gegen die eigene Abscheu etwas tun zu müssen, für das man sich schämen muss, erleichtert zwar die Verarbeitung, aber es bleibt trotzdem der Bodensatz zurück, dass ich es tatsächlich auch getan habe. Etwas nagt in mir, ob es nicht doch auch eine andere Möglichkeit gegeben hätte. Und darunter leidet mein Selbstbild.

Bei genauer Betrachtung wird klar: als Kind hatte ich keine Chance. Gar keine. Eigentlich habe ich mit 8 Jahren viel "erwachsener" und umsichtiger reagiert, als ich heute einem Kind dieses Alters zutrauen würde.

Und es gibt noch etwas:

Eigentlich sollte sich der Täter schämen, nicht ich.

Eine Möglichkeit, das Schamgefühl loszuwerden und dem Täter zurückzugeben, nutze ich bereits: diese Website. Die Öffentlichkeit soll wissen, dass ein Verbrechen geschehen ist, für das sich der Täter schämen soll, nicht ich.

Im Moment versuche ich, in die Schamgefühle hineinzugehen und meinen verschiedenen Persönlichkeitsanteilen zuzuhören, was sie dazu sagen und wie sie sich fühlen. Das sind nicht immer angenehme Gefühle, aber ich merke, dass sich dadurch etwas verändert.