Manche Überlebende von sexuellem Missbrauch spüren dieses Grundgefühl andauernd, andere dagegen fast gar nicht.
Was ist eigentlich Wut?
Wenn ein Tier angegriffen wird, reagiert es entweder mit Flucht, oder es beginnt, sich wütend zu verteidigen. Die Wut gehört entwicklungsgeschichtlich zu den ältesten Grund- und Basisgefühlen. Sie dient der Selbsterhaltung, dem Weiterleben in gefährlichen Situationen.
In unserer Kultur ist die Wut ein verpöntes Gefühl. Wer sich zu wütenden Reaktionen hinreißen lässt, gilt als unbeherrscht und unkultiviert.
Unsere kulturspezifische Bewertung eines Vorgangs hängt sehr stark davon ab, was wir über Hintergründe wissen, oder ob wir überhaupt etwas davon wissen. Ob und wie viel Schaden etwas anrichtet, ist wieder eine ganz andere Frage. Missbrauch findet fast immer im Verborgenen statt. Kaum einer kann sich vorstellen, wie das ist und was dabei geschieht. Weder versteckte noch offene Wut von Missbrauchsopfern wird daher von der Gesellschaft als verständlich angesehen.
Missbrauch ist ein schwerwiegender existentieller Angriff auf einen Menschen. Er geschieht auf mehreren Ebenen, auch auf sogenannten "niedrigen" Ebenen wie dem Körper. Wie man inzwischen aus der Hirnforschung weiß, sind die Folgen für das Nervensystem und die stammesgeschichtlich älteren Regionen des Gehirn medizinisch nachweisbar.
Missbrauch ist auch Körperverletzung!
Nur leider bekommt das niemand mit, weil es nicht sichtbar ist.
Bei offensichtlicher Körperverletzung kann unsere Gesellschaft offene Wut noch am ehesten nachvollziehen. Dennoch gibt es auch hier Grenzen. Wut ist keine Entschuldigung dafür, körperliche Gewalt und Gegen-Körperverletzung auszuüben. Um "Selbstjustiz" mit eskalierenden Gewalt-Spiralen zu verhindern, gibt es bei uns das staatliche Gewalt-Monopol. Davon gibt es nur wenige Ausnahmen, insbesondere Notwehr zur direkten Abwendung akuter Lebensgefahr.
Missbrauchs-Opfer haben jedoch etwas erlebt, das nach den urtümlichen Reaktionsmustern aus der Dinosaurier-Zeit entweder zu Flucht oder Verteidigung führen würde. Oft waren beide Reaktionen unter akuter Lebensbedrohung nicht möglich, daher musste der Körper mit Dissoziation und Verdrängung reagieren, um das Überleben zu sichern. Bei der Aufarbeitung von Missbrauch kommen auch die Gefühle hoch, die Triebfedern für diese Grund-Reaktionsmuster sind. Wie also mit ihnen umgehen?
Gute Therapeuten kennen Möglichkeiten der Ableitung, die die versteckte und abgespaltene Wut bewusst und erlebbar machen, aber trotzdem niemandem schaden. Wer in der Übertragung den Täter verprügelt, schadet in der Realität niemandem, kann damit aber zu einem inneren Ausgleich und zu einer inneren Balance seiner Gefühle zurückfinden. Das Gefühls-Gleichgewicht ist durch den Täter ja in sehr tiefgreifender Weise gestört worden.
Eine gute Therapie beendet die Unterdrückung und Verdrängung von Basisgefühlen wie Wut, ohne jemandem zu schaden. Im Gegenteil, die Lebensqualität wird besser, wenn man seine Gefühle kennt und gelernt hat, mit ihnen sinnvoll umzugehen.