Von Anhängern der Kampagne "Missbrauch mit dem Missbrauch" und anderen Täter-Lobbyisten wird immer wieder behauptet, dass Berater bei Befragungen von Kindern unterschwellige Suggestionen ausüben würden, mit denen ein tatsächlich nie stattgefundener Missbrauch "konstruiert" werden könne.
Ich kann durch meine Geschichte bestätigen, dass Suggestionen tatsächlich bei Befragungen von mir als Kind vorkamen (siehe ausführliche Darstellung der Geschichte hier).
Beispielsweise wurde ich von meinem Vater und vom Pfarrer, aber auch von der Polizei suggestiv befragt. Zum Beispiel wurde ich vom Pfarrer gefragt, ob ich das Streicheln bei meiner Mutter gemacht hätte. Ich versuchte mich zwar dagegen zu wehren, indem ich erklärte, dass das meine Mutter von mir verlangt hatte, aber was blieb mir als Kind letztlich anderes übrig, als darauf mit "ja" zu antworten! Dass darin auch die Unterstellung lag, dass ich der Urheber des Inzests sei, spürte ich zwar innerlich, konnte mich aber dagegen nicht wirksam wehren.
Von der Polizei wurde ich gefragt, ob ich bei meiner Mutter im Bett gewesen sei. Meine wahrheitgemäße Antwort, dass ich dort nicht war (weil ja schließlich meine Mutter in meinem Bett war, nicht umgekehrt), führte zu einer vollkommenen Bezweifelung dieser Aussage und meiner ganzen Glaubwürdigkeit durch die Polizei, da dies scheinbar mit allen anderen Aussagen anderer Leute in Widerspruch stand. Auch wenn die polizeilichen Suggestionen geringer waren als die massiven Einflussnahmen anderer wie z.B. die Drohungen meines Vaters und meiner Oma (die nur noch als Erpressung bezeichnet werden können), so wurden doch massive Wahrheitsfälschungen betrieben. Auch von der Polizei, die offenbar ihre Akte gerne schließen wollte und deshalb "Lösungvorschläge" unterbreitete, wie es "in Wahrheit" wohl gewesen sein könnte. Das Ergebnis der Vernehmung brachte schließlich alles andere als die Wahrheit zu Tage.
Wer glaubt, dass die Wahrheitsfindung vor Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gericht "objektiv richtige" Tatbestände ergäbe, muss entweder vollkommen naiv sein oder ein verstecktes Eigeninteresse verfolgen.
In der Debatte um den "Missbrauch mit dem Missbrauch" habe ich bisher noch keine Argumente in der Richtung gehört, dass (unabsichtlich) suggestives Vorgehen auch zugunsten von Tätern stattfinden könnte.
Dass außerhalb eines offiziellen Verfahrens weit über Suggestionen hinausgehende Einflussnahmen bis hin zur Bedrohung und Erpressung durch Täter und Co-Täter stattfinden könnten, scheint bisher den Protagonisten der Debatte nicht aufgefallen zu sein, die suggestionslose Befragung fordern. Jegliches Gespräch mit einem Menschen, gerade auch mit einem Kind, übt immer eine suggestive Wirkung aus. Wer Suggestionen vollkommen ausschließen will, muss Gespräche ganz unterbinden. Ist es das, was Täter-Lobbyisten wollen? Dass Opfer nicht reden und bei externen Beratern Hilfe holen sollen, dass ihnen die Hilfe mit dem Hinweis auf mögliche Suggestionen verweigert werden soll -- ganz im Gegensatz zu einem weiter fortgesetzten Kontakt mit einem möglichen Täter, der offenbar überhaupt nicht als potentielle Gefahr gesehen wird?
Ist den Protagonisten schon aufgefallen, dass die Interessenlage von Tätern Einflussnahmen bis hin zur Erpressung sehr wahrscheinlich macht, und dass gerade bei familiärem Missbrauch oft sehr viele Gelegenheiten dazu bestehen und wirksame Einflussschienen bestehen, die weit über das Suggestionspotential externer Berater hinausgehen? Sind die potentiellen Schäden, die einerseits Einflussnahmen von Tätern, andererseits mögliche Verzerrungen durch nicht vollkommen suggestionsfreie Befragung durch Helfer sorgfältig gegeneinander abgewogen worden?
Darf ich die Frage stellen, warum bisher scheinbar noch keiner der Aktivisten der Kampagne auf die Idee gekommen ist, dass man Suggestionen auch zum Verharmlosen, Leugnen und Vertuschen von Verbrechen benutzen kann?