Missbrauch mit dem Missbrauch

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit einem sexuellen Missbrauch Missbrauch zu treiben. Wer glaubt, es ginge bei diesem von der Täter-Lobby hochgepushten Thema nur um "erfundenen" Missbrauch, mit dessen Hilfe geschiedene Frauen ihren Männern das Sorgerecht zu entziehen trachten, der irrt sich.

Wie kann man Missbrauch sonst noch bei einer Scheidung benutzen?

Seit kurzem (Frühjahr 2004) bin ich von meiner Frau geschieden. Die Scheidung klappte (mit Rücksicht auf die Kinder) einvernehmlich. In einem notariellen Ehe-Auflösungsvertrag erklärte ich mich dazu bereit, einige Leistungen zu übernehmen, zu denen ich von Gesetzes wegen nicht unbedingt verpflichtet gewesen wäre.

Sie arbeitet im kirchlichen Bereich, allerdings nicht auf einer Dauerstelle. Ihren jetzigen Freund lernte sie vor zwei Jahren bei einer kirchlichen Arbeitstagung kennen, als wir zwar auf Anraten der (insgesamt gescheiterten) Familien-Therapie getrennt lebten, aber eigentlich ein Wieder-Zusammenfinden auf der Agenda stand.

Als sie auf dieser Tagung mit dieser zunächst nebenläufigen Liebschaft anfing (von der ich lange nichts wusste), müssen das die Teilnehmer dieser Tagung eigentlich mitbekommen haben. Nun ist für jeden Kenner der katholischen Kirche völlig klar, dass man keine kirchlichen Leitungsfunktionen ausüben kann und darf, wenn man sich nicht an die Unauflöslichkeit der Ehe nach katholischer Lehre hält. Nach katholischer Lehre zählt eine bürgerliche Scheidung nicht als Auflösung des Ehesakramentes. Von daher sollte jedem Beobachter klar sein, dass sie früher oder später ganz massive berufliche Probleme bekommen würde, falls offizielle kirchliche Dienststellen von dieser Liebschaft erfahren würden. Sie selber sah anfangs jedoch kein Problem darin.

Die Geschichte mit ihrem Freund, die wohl auch die Triebfeder für die Scheidung war, hat sich inzwischen so weit verfestigt, dass er bei ihr und den Kindern wohnt. Etwa vor einem halben Jahr (Stand Herbst 2004) wurde mir in Aussicht gestellt, dass sie erneut heiraten werde. Dadurch würde sich ihr Unterhaltsanspruch gegenüber mir reduzieren. Nun gut, ich hatte nichts dagegen, solange klar war, dass ich trotzdem der Papa meiner Kinder bleiben würde. Im Stillen wunderte ich mich, wie das zu ihrem kirchlichen Beruf passen sollte; nach ihrer Euphorie und wilden Entschlossenheit zu urteilen sah sie jedenfalls kein Problem darin, und nannte mir den August dieses Jahres als Heiratstermin.

Kaum war jedoch die bürgerliche Scheidung über die offizielle Bühne gegangen, wollte meine Ex-Frau plötzlich doch noch etwas von mir: ich sollte bei der kirchlichen Annullierung der Ehe mitmachen.

Vor kurzem rief sie auf einmal bei mir an und erklärte mir, dass sie massive berufliche Probleme bekommen würde, wenn die kirchliche Ehe mit mir nicht annulliert würde. Ich meinte daraufhin, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das nach kirchlichem Recht überhaupt geht. Schließlich sind aus der Ehe Kinder hervorgegangen. Ich bin zwar kein Experte im Kirchenrecht, aber so ein paar landläufige Grundzüge glaube ich schon zu kennen. Eine kirchliche Ehe kann niemals geschieden werden; man kann lediglich in einem kirchlichen Gerichtsverfahren feststellen lassen, dass sie von Anfang an ungültig und deshalb nicht sakramental gewesen war. In diesem Fall gilt die kirchliche Ehe als nie zu Stande gekommen, und man kann dann einen anderen Partner heiraten, weil die erste standesamtliche Heirat nicht als kirchliche Ehe gilt.

Ich hatte gehört, dass eine kirchliche Annullierung ziemlich schwer und aufwendig ist, sofern sie überhaupt möglich ist. Schließlich sind auch schon mächtige und berühmte Könige über das kirchliche Eherecht gestolpert, was bekanntermaßen bei der Abspaltung der anglikanischen Kirche mitgespielt haben soll. So einfach kriegt man eine katholische Ehe nicht annulliert. Sie als Expertin behauptete jedoch steif und fest, dass die Annullierung durchaus ginge, wenn ich bei diesem Verfahren mitmachen würde. Nun gut, vielleicht kannte sie sich ja besser als ich in den Winkeln des Kirchenrechts aus. Im Gegensatz zu mir hatte sie das schließlich ja auch studiert.

Weiter erklärte sie mir folgendes: Sie lebe in der ständigen Gefahr, dass die Sache mit ihrem Freund auffliegen könnte. Ihr Freund kann sich in ihrem sozialen Umfeld nirgends blicken lassen, auch nicht in der Schule, weil es sich sonst zu kirchlichen Stellen herumsprechen könnte, und wie man wisse, haben die ja überall ihre Spitzel, die so etwas weiter melden. Fünf ihrer Arbeitskollegen wüssten ebenfalls Bescheid, aber bei ihnen wäre sie 100% sicher, dass sie dicht halten würden. Wenn etwas heraus käme, würde ihre Stelle wahrscheinlich nicht verlängert. Wenn sie jedoch ein offizielles Eheauflösungs-Verfahren einleiten würde, dann würde ihr das zumindest bis zur Entscheidung nicht schaden; so lange würde die Kirche ihr keine beruflichen Nachteile in den Weg legen. Sie nannte mir dann eine Website mit Infos, die ich mir ansehen sollte. Dort stünde, was es für Ehe-Annullierungsgründe gäbe. Auf meine Rückfrage versprach sie, mir den genauen Paragraphen des kanonischen Rechts zu nennen, auf den man sich berufen könne. Ich sollte dann meinen Therapeuten von seiner Schweigepflicht entbinden, und wenn er ein entsprechendes Gutachten schreiben würde, dann wäre die Annullierung mehr oder weniger nur eine Formsache. Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, was mein Therapeut da ausrichten sollte, aber sie meinte, er könne die Ungültigkeit der Ehe bestätigen. Dann würde es klappen.

Gutmütig und um ihr keine unnötigen Steine in den Weg zu legen, schaute ich mir die Website an, fand darauf aber keine Hinweise auf zutreffende Gründe für die Annullierung unserer kirchlichen Ehe. Es passte einfach nichts. Überhaupt gar nichts. Weder hatte ich sie bei der Hochzeit über eine (nicht vorhandene) Unfruchtbarkeit oder eine frühere Ehe getäuscht, noch war ich psychisch eheunfähig (was man laut Darstellung nur ist, wenn man einen IQ von vielleicht 20 hat und intelligenzmäßig nicht in der Lage ist, die kirchliche Ehelehre zu begreifen), noch konnte ich bei mir einen Willensmangel beim Eingehen der Ehe entdecken (es war mir damals ernst), einen Formfehler konnte ich auch nicht entdecken, und schließlich war ich mit ihr auch im Bett gewesen, wie die Existenz der Kinder beweist. Also gab es nach kirchlichem Gesetz keinen Grund. So dachte ich wenigstens. Die angeführten Nichtigkeitsgründe liefen fast alle letztlich darauf hinauf, dass einer bei der Eheschließung mit gezinkten Karten gespielt haben musste oder sich sonstwie unredlich oder unehrenhaft verhalten hatte. Das konnte ich mir nun wirklich nicht vorwerfen.

Die mehrmals versprochene Nennung des CIC-Paragraphen kam aber einfach nicht von ihr. Auf mehrmalige Rückfrage hin versprach sie mir, mir das per Email zu schicken, aber es kam einfach nichts. Dass gerade einige Stunden bei meinem Therapeuten wegen Urlaub ausfallen würden und ich deswegen auch nicht über ein Gutachten sprechen konnte, hatte ich ihr gesagt, damit sie nicht argwohnte, ich würde die Sache verschleppen oder mich darum drücken.

Als ich einen Monat später am Besuchs-Wochenende die Kinder zu ihr zurück in ihre Wohnung bringen wollte und das Thema beinahe schon wieder vergessen hatte, fing sie mich auf halber Höhe im Treppenhaus ab und drang von oben im Beisein meiner Kinder auf mich ein, ob ich nun morgen (bei der ersten Therapiestunde nach dem Urlaub) mit meinem Therapeuten endlich über die Sache reden werde. Ich sagte, dass ich ja immer noch nicht wisse, worauf es hinaus laufe, was sie denn als Annullierungsgrund angeben wolle, und dass ich mir danach ja eigentlich noch Zeit ausbedungen hatte, um darüber nachzudenken. Ich hatte mir die Website angesehen und nichts gefunden, was ein Annullierungsgrund sein könnte; den Paragraphen hatte sie mir immer noch nicht genannt.

Darauf meinte sie: mein Missbrauch. Sie hätte mit mehreren Leuten gesprochen, und die hätten ihr ganz eindeutig bestätigt, dass das ein völlig klarer Grund für meine psychische Eheunfähigkeit sei. Ausserdem würde meine psychosomatische Erkrankung, wegen der ich lange nicht mehr mit ihr geschlafen habe, ein eindeutiges Indiz darstellen. Mein Therapeut solle bestätigen, dass es eine psychosomatische Ursache habe.

Ich war über diese lautstarke "Unterhaltung" im Treppenhaus, die außer den Kindern weiß Gott wer mithören konnte, ziemlich geschockt und kaum in der Lage, eine passende Antwort zu finden. Ich verabschiedete mich, dass ich darüber erst mal nachdenken muss, und verschwand so schnell wie möglich.

Kaum war ich wieder daheim angekommen, klingelte das Telefon. Sie war dran. Ich machte ihr dann klar, ob sie mich für so blöd halten würde, dass ich irgendeinen Wisch unterschreiben würde, in dem ich mich selber als zu irgendetwas unfähig bezeichnen würde, ganz egal was das war, und was sie da eigentlich von mir verlangte. Darauf sie: wenn ich bei der Annullierung nicht mitmachen würde, dann würde sie arbeitslos, und ich müsste ihr die volle Unterstützung zahlen. Ich war schon innerlich am Kochen und fragte zurück, ob sie mich damit jetzt erpressen wolle. Darauf meinte sie, dass sie sowieso nichts mehr zu verlieren hätte, und dass sie das Annullierungs-Verfahren auf jeden Fall durchziehen werde, notfalls auch im Dissens mit mir. Darauf geriet ich richtig in Wut und sagte, wenn das so ist, dann habe ich mich bereits entschieden, dann kann sie es ja im Dissens versuchen, und legte auf.

Mein Therapeut machte mir dann klar, dass meine Wut berechtigt war, und dass ihr Ansinnen nichts anderes als Missbrauch mit dem Missbrauch ist. Er kann sich nicht vorstellen, dass eine Eheannullierung unter dem jetzigen Papst eine Kleinigkeit ist. Ich bräuchte keine Angst vor diesem Gerichtsverfahren haben.

Ein guter Bekannter/Freund meint dazu, dass sich meine Frau doch eigentlich selbst in ihre prekäre Lage gebracht hat: auf der einen Seite die Ehe (die sie mir einmal versprochen hatte!) zu brechen (indem sie mit einem anderen Mann zusammen lebt), aber gleichzeitig einen kirchlichen Beruf zu wählen, und nun auch noch ihr Problem auf mich zu schieben und auf meinem Rücken auszutragen. Das passt irgendwie nicht zum moralischen Anspruch ihrer kirchlichen Stellung.

Außerdem ist mein Missbrauch nicht der eigentliche Grund für das Scheitern der Ehe. Sicher hat er mitgespielt, aber letztlich sind wir standesamtlich geschieden, weil sie mich wegen eines anderen Mannes verlassen hat. Bei einer kirchlichen Annullierung geht es aber nicht um das Scheitern, sondern darum, ob einer von Anfang prinzipiell unfähig zur Führung einer Ehe gewesen war oder mit gezinkten Karten gespielt hat. Beim besten Willen: ich fühle mich heute wieder soweit in Ordnung (dank Therapie), dass ich mir eine neue Partnerschaft wieder vorstellen kann.

Stimmt die Behauptung meiner Ex-Frau über Missbrauch als eindeutiger Annullierungsgrund wirklich?

Wenn das wahr wäre: wozu so ein hübscher kleiner Missbrauch dann nicht gut wäre. Wenn man sich nicht an die kirchlichen Gesetze halten will, bräuchte man nur das Zauberwort "Missbrauch" zu sprechen und schon wäre die Ehe ungültig.

Wenn ich Pech habe, dann kriege ich jetzt den Scheidungskrieg doch noch. Allerdings nicht wie üblich vor dem Familiengericht und um riesige Geldsummen oder um die Kinder, sondern vor einem kirchlichen Sondergericht und um meine intimsten Angelegenheiten, mein sexueller Missbrauch und meine Krankheit.

Leider hatte ich ihr vor fünf Jahren im Vertrauen, dass sie als (kirchlich angetraute) Ehegattin zu mir halten würde, auch die Briefe an meine Eltern gegeben, wo die wesentlichen Teile meines Missbrauchs drinstehen. Soll das nun Gegenstand einer Schlammschlacht werden?

Wenn ihre "Argumente" wirklich zutreffen sollten, dann müsste rund 1/3 aller kirchlichen Ehen von vornherein ungültig sein. So hoch ist die Verbreitung von Missbrauch und Vergewaltigung alleine in der weiblichen Bevölkerung mindestens, durch zahlreiche Studien belegt. Wären die dann alle nach katholischem Recht eheunfähig?

Sollte ein sexueller Missbrauch wirklich zu so etwas nützlich sein? Wer als Kind zum Opfer gemacht und traumatisiert wurde, soll deshalb nach kirchlichem Recht als psychisch eheunfähig erklärt und damit nochmals zum Opfer gemacht werden? Sollten meine intimsten Angelegenheiten, dazu noch auf einem Niveau unter der Gürtellinie, vor einem kirchlichen Sondergericht zerpflückt werden können? Missbrauch mit dem Missbrauch? Ich traue der katholischen Kirche ja allerhand zu. Aber sowas?

Nein, das kann ich kaum glauben. Vielleicht sollte ich mich statt dessen fragen: was ist meiner Ex-Frau noch alles zuzutrauen?


Nachtrag (Stand 2007): meine Ex-Frau hat die kirchliche Eheannullierung tatsächlich geschafft. Dazu hat sie sich die getürkten Zeugenaussagen ihrer Schwester und ihrer Mutter beschafft, sie selber hätte angeblich von vornherein den Willen zur Scheidung gehabt. Auch mich hat sie zu einer Falschaussage vor dem Kirchengericht bestochen; unter den damit verbundenen Gewissensbissen leide ich jetzt stärker, als ich vorher gedacht hätte. Aber wenigstens hat sie meinen sexuellen Missbrauch doch noch aus dem Kirchengerichts-Verfahren herausgehalten.