Aufrecht Runter
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So viele Jahre sind vergangen, seit ich das letzte Mal etwas in Aufrecht geschrieben habe. Mein ganzes Leben hat sich seither verändert. Doch immer habe ich mich mit Aufrecht verbunden gefühlt, es war in all diesen Jahren ein Anker für mich, obwohl ich nicht aktiv dabei war, war ich immer dabei, wie in einem geschützten Raum in dem mir nichts passieren kann.

Oft kam es mir vor, als habe eine andere, die gar nicht zu mir gehört, diese Seiten ins Netz gestellt. Wo war ich?

Woher hatte ich damals die Kraft, was hat mich angetrieben und warum habe ich mich so zurückgezogen? Warum ist mir diese Kraft abhanden gekommen?

Es war das Leben, das ich geführt habe.

Schon während ich Aufrecht in den Jahren 97/98 erstellt habe, wusste ich, dass mein Ex große Probleme mit sich selbst hat. Er wollte eigentlich eine Frau sein! Und das mir. Es hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen, meine ganze Welt ist zusammen gebrochen. Ich hatte mich so sicher und aufgehoben gefühlt bis zu diesem Zeitpunkt. Wir hatten ein Kind in diese Welt gesetzt. Was sollte aus uns werden? Aus unserer Familie? Aus unserer Liebe? Wie sollte unser Kind mit all dem zurecht kommen? Wie wir selbst?

Alles was ich mir in SHG und Therapie und vor allem mit Aufrecht erarbeitet hatte war auf einmal nutzlos geworden. Es war zwar noch da, aber nur in meinem Unterbewusstsein, so wie damals als ich den Missbrauch verdrängen musste um überhaupt überleben zu können. Ich habe nicht mehr auf mich aufgepasst, sondern auf einer ganz anderen Ebene um mein Überleben gekämpft. Existenziell und finanziell. Für meinen Sohn habe ich gekämpft, damit er nicht untergeht an seinem Schmerz um den verlorenen Vater und die zerbrochene Familie.
Ich dachte, der Missbrauch sei in den Hintergrund gerückt, das war aber nicht so. Er war immer da und die Auswirkungen waren und sind verheerend.
Ich kann nichts daran ändern, ich muss wieder an mir arbeiten, einige Dinge noch einmal heraus holen und verarbeiten, damit ich wieder weiter heilen kann und endlich diesen immer währenden Schmerz der mich beherrscht loswerde.
Der Schmerz der da heißt "nicht liebenswert".
Ich trage diesen Schmerz wie ein Mal auf meiner Stirn, in meinem Herzen und in meiner Seele. Ihr wisst von was ich schreibe…

Er ist das Erbe meiner Eltern, das sie mir auf meinem Lebensweg mitgegeben haben. Es ist genauso wie mir mein Vater schon vor vielen Jahren in's Poesiealbum geschrieben hat:

Mein liebes Kind,
habe Dein Schicksal lieb,
denn es ist der Weg Gottes
zu Deiner Seele.

8/2007 CHS


Inzwischen arbeite ich 2 Jahre an dieser Seite, es hat sich viel getan und geändert in meinem Leben, aber ich bin weitergegangen, habe dazu gelernt und fühle mich damit sehr wohl. Ich habe viele Erfahrungen gemacht, Menschen kennengelernt, Briefe geschrieben (so viele wie noch nie in meinem Leben), Schicksale kennengelernt, mit mir selbst gehadert, micht gut gefühlt und natürlich auch sehr schlecht . Allen die diese Seiten besuchen, kann ich nur sagen, es lohnt sich an die Öffentlichkeit zu gehen. Auf jeden Fall.
Ich möchte mich auf diesem Weg ganz herzlich bei all den Menschen die mein Forum besuchen und bereichern bedanken, manchmal kann ich gar nicht fassen was diese Seite für diese Menschen bedeutet, wieviel Wärme und Güte von all den Überlenbenden ausgeht, wieviel wir uns geben und wie gut wir uns nur mit wenigen Worten tun können. Sie haben mein Leben bereichert und ich möchte sie alle nicht mehr missen und danke auch dem Medium Internet, denn ohne ES wäre das alles gar nicht möglich und wir alle würden immer noch alleine vor uns dahin leben und uns für unser Schicksal schämen. Heute bin ich selbstbewusster denn je und natürlich auch kämpferischer:-)) und ich hoffe, dass ich diese Gefühle vielen anderen mitgeben kann auf den langen Weg der Heilung.
CHS 2/2000


Über mich
Geboren und aufgewachsen in Heilbronn
Seit 1991 stolze Mutter, 1 Sohn - Willy
Im Mai 2007 - 48 Jahre alt.
Seit 2003 geschieden und alleinerziehend

Mein Werdegang war recht beschwerlich. Zum Mißbrauch durch meinen Vater kam die Tatsache, daß er Alkoholiker war und sich meine Eltern nicht verstanden haben. Meine Mutter wußte vom Mißbrauch, hat aber nichts dagegen unternommen. Ab 10 habe ich mich gegen den sexuellen Mißbrauch gewehrt, der Seelische ging weiter.

Irgendwann hatte ich alles verdrängt und wunderte mich, warum ich mit dem Leben nicht klarkam. Mit 27 Jahren war ich seelisch am Ende. Zu diesem Zeitpunkt habe ich meinen Mann Nico kennengelernt, er hat mich geliebt wie ich bin und aufgefangen, der erste Mensch mit dem ich darüber reden konnte. Und die Erinnerungen kamen, nicht alle aber doch sehr viele. Die Spuren die der Mißbrauch bei mir hinterlassen hatte, konnte ich damals noch nicht sehen, ich dachte, ich sei nichts wert. Ich machte mich zur Schuldigen. Nur durch meinen Mann konnte ich ein einigermaßen normales Leben führen, geheilt war ich aber noch lange nicht.

Vor ca. 6 Jahren haben mich die Erinnerungen eingeholt, ich mußte die Ärmel hochgekrempeln und langsam die Türen zu meinem Seelengefängnis öffnen, ich fühlte mich nicht komplett. Vor 5 Jahren habe ich mit Hilfe einer Therapeutin ein kleines Mädchen kennengelernt, das total eingesponnen in einem Loch vor sich hinstarrte, klein, eiskalt die Haut und völlig alleine. Ich habe gelernt mit diesem Kind zu leben, dem Kind, das so wenig kannte und so ängstlich war, sich nichts zutraute und wußte. Ich habe gelernt, mich selbst in den Arm zu nehmen und den Trost zu spenden, der für meine Heilung so wichtig war, natürlich mußte ich auch lernen, diesem Kind zu vertrauen, all den Erinnerungen, die es aufgehoben hatte. Seit ich den Erinnerungen glaube, sie annehme, kehrt Ruhe in mir ein. Ich habe gelernt, mit meinen Zorn und meiner Trauer und dem Schmerz umzugehen.Ich muß mich nicht mehr monatelang in den dunklen Löchern meiner Seele quälen, ich kann mich selbst auffangen und rausholen.

In letzter Zeit merke ich auch, daß meine Eltern ihren Schrecken verlieren und teilweise schon verloren haben. Mein Vater ist gestorben und meine Mutter leidet unter Verkalkung, weiß gar nicht s mehr und kann auch nicht mehr sprechen oder gehen. Ich habe im letzten Jahr gelernt, daß sie mir nichts mehr anhaben können. Das ist ein sehr gutes, befreiendes Gefühl.

Ich kann meine Grenzen erkennen und benennen und ganz wichtig ich kann es Anderen mitteilen. Ich bin nicht mehr hilflos der Opferrolle ausgeliefert, ich wehre mich, mache meinen Standpunkt deutlich, vertrete ihn.

Es war ein langer Weg. Ich habe überlebt, all das hätte ich ohne meine Kraft und Stärke nicht geschafft.

Ich hoffe, daß ich mit dieser Seite einigen mißbrauchten Frauen und Männern Mut machen kann,trotz allem hoch erhobenen Hauptes weiter zu überleben.

Genauso kommt mir diese Seite wie ein Abschluß vor. Für mich selbst. Es endlich öffentlich zu machen, nach all den Jahren des Schweigens.

Da ich Mitten im Leben stehe, eigene Firma, Mutter und noch ein paar Aufgaben im öffentlichen Bereich, muß ich diese Seite scheibchenweise ins Netz setzen, es wird sich also immer wieder lohnen, einen Blick auf AUFrecht zu werfen. Ich möchte diese Seite weiter ausbauen und bin für Vorschläge offen.

Die Aufrechte

Danke sage ich allen, die mich kennen und so akzeptieren wie bin. Danke auch allen, die mit mir immer wieder Darüber geredet haben und es heute noch tun.
Besonders meinem Ex-Mann Nico, der lieben Angela, die so oft ein Spiegel für mich war und ist, meiner Freundin Alex die immer für mich da ist, wenn ich mal jemanden brauche.

Den Lieben Frauen aus der Selbsthilfegruppe, bei Pfiffigunde e. V. in Heilbronn. Meiner Therapeutin Frau Angelika Pannen-Burchartz, die mir wärend meiner kurzen, aber dennoch heftigen Therapie sehr hilfreich zur Seite stand. Bei REGINE MICHELS, die mir bei einer Lesung aus Ihrem Buch REGINE, das Gefühl gegeben hat, auf dem richtigen Weg zu sein. Mutig mit hocherhobenem Kopf zur Vergangenheit stehen, denn wir Alle können sie nicht abstreifen, sie ist ein Teil von uns und wird immer ein Teil von uns sein.
Zu guter letzt bei meinem tollen Sohn Willy, der mit seinen knapp 8 Jahren so viel Gutes in mein Leben gebracht hat, vor allem die Erkenntnis, daß ich auch einmal klein und hilflos war und daß dies von meinem Vater ausgenutzt wurde.

CHS


Februar 2000

Rauf
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