Ein guter Psychotherapeut lässt dich selbst entscheiden, wo du hinwillst.
Du übernimmst damit selbst die Verantwortung für dein Ziel. Deswegen ist es wichtig, dass du dir Gedanken darüber machst.
Es gibt viele unterschiedliche Therapieziele. Manche widersprechen sich sogar. Ich möchte hier keine Normen für die Auswahl vorgeben, sondern für eine bewusste Entscheidung sensibilisieren, die jeder selbst treffen muss. Auch keine Entscheidung ist eine Entscheidung, und zwar u.U. eine mit weit reichenden Folgen.
Ich habe mir als Therapieziel gegeben, dass ich so werden will, als hätte es den Missbrauch in meinem Leben nie gegeben. Alle sagen, das ist völlig utopisch und unerreichbar. Ich glaube aber, dass viel mehr erreichbar ist, als viele Leute glauben. Auch wenn ich dieses Ziel noch nicht erreicht habe, bin ich ihm jedoch ein großes Stück näher gekommen. Ohne diese Zielvorgabe wäre ich nicht so weit gekommen. Mit manchen schlimmen und belastenden Themen hätte ich mich nicht befasst, ich hätte weiter einen Bogen um sie gemacht. Ich hätte einige Hürden nicht angegangen, und hätte sie vermutlich auch nicht genommen. Manche Hürden waren sofort im ersten Anlauf zu nehmen, andere haben sehr viele Anläufe gebraucht. Manche muss ich noch übersteigen.
Mein persönliches Therapieziel bedeutet nicht, dass ich alles mit dem Radiergummi auslöschen will, was sich in meiner Lebensgeschichte ereignet hat. Das geht auch gar nicht. Ich will die negativen Auswirkungen meiner leidvollen Erfahrungen und meiner Abspaltungen weghaben. Einige wenige allgemeine positive Auswirkungen wie z.B. meine zwangsläufig stark entwicklte Lebenskraft oder meine Einsichten in Bereiche, die anderen verschlossen bleiben, möchte ich behalten.
Aus meinem Fernziel ergibt sich als Nahziel, dass ich die Auswirkungen der Krisen und der Dekompensation als erstes angehe. Diese Teilziele finde ich sehr wichtig. Aus Krisen wollen die meisten heraus. Aus Dekompensationen scheinen aber nicht alle Betroffenen heraus zu wollen. Wenn man eine Dekompensation überwunden hat, dann kann man wieder "funktionieren". Einige scheinen aber gar nicht funktionieren zu wollen und sehen dieses Ziel sogar als ablehnenswert.
Dem liegt meines Erachtens ein Missverständnis zu Grunde. Die Frage kann auch lauten:
Meine Antwort darauf lautet: FÜR MICH!!! Nicht für die Gesellschaft! Und schon gar nicht für die Täter!! Ich möchte LEBEN!
Letztlich ist es meine Eigenständigkeit, mein eigenes Leben, das von den Tätern weggenommen und zweckentfremdet wurde (wir wurden ja im Sinne der Täter zum "funktionieren" gebracht, manche werden auch heute noch ausgebeutet). Mein eigenes Leben kann ich aber nur leben, wenn ich der Fremd-Ausbeutung entkomme und meine natürlichen Funktionen wieder für mich selber ausübe, die mir die Täter zerstört haben.
Missbrauch ruft Schäden vielfältigster Art hervor. Wenn man einige dieser Schäden nicht reparieren will, steht einem das natürlich grundsätzlich frei. Man sollte sich dessen aber bewusst sein, und sich auch ansehen, was man eventuell verlieren (oder gar nicht erst gewinnen) könnte, wenn man etwas nicht reparieren will. Das kann nämlich ganz schön viel sein; u.U. große Teile von dem, was das Leben lebenswert macht. Wenn man den Gewinn vor Augen hat, ist es viel leichter, den notwendigen Einsatz dafür zu bringen, auch wenn es phasenweise schwer fällt.
Ansonsten gibt es natürlich viele individuelle Therapie-Ziele. Jeder hat auf seine Traumata anders reagiert und setzt daher auch andere Schwerpunkte.