Inzest: Verstrickungen mit dem Täter

Vorab: die Schuld für solche Verstrickungen, um die es hier geht, trägt ganz allein der Täter, und nur er! Ein Kind wird von solchen Beziehungsmustern überfordert und kann sie gar nicht gestalten, daher trägt es auch keine Verantwortung.

Dieses Thema ist ein wenig "gefährlich", weil es traditionelle Normen und Werte berührt. Gerade deshalb finde ich es sehr wichtig, sich damit auseinanderzusetzen.

Die Problemstellung wird vielleicht klarer, wenn man sich folgende Situation vor Augen führt: bereits als Kind musste ich die Rolle eines "Liebespartners" übernehmen.

Und zwar nicht als altersübliches Spiel mit anderen Kindern. Auch nicht mit irgendwelchen Erwachsenen. Nein: ich musste "Liebespartner" für meine eigene Mutter spielen! Und zwar nicht als Spiel, sondern in echt! Das berührt die Dimension dessen, was mit "Inzest" gemeint ist.

Konkret bedeutete dies beispielsweise, dass ich von meiner Mutter "hofiert" wurde und vor meinen anderen Geschwistern bei einigen Dingen bevorzugt wurde. Ich brauchte manche Hausarbeiten nicht zu machen, die meine Schwestern tun mussten. Meine Essenswünsche zählten mehr als diejenigen meiner Geschwister. Als Kind "fühlte" ich mich in dieser Rolle. Meine Schwestern waren aber deswegen stocksauer und fühlten sich ungerecht behandelt. Die Schattenseite dieser Vermischung verschiedener Arten von Familienbeziehungen sieht ganz fürchterlich aus.

Jahrelang gab es mehr oder weniger offene Vorwürfe meiner Schwestern an mich wegen dieser Bevorzugung. Heute sehe ich, dass diese Vorwürfe im Kern berechtigt waren, sich aber eigentlich nicht an mich, sondern an meine Mutter richten müssten (auch wenn ich die Bevorzugung als Kind scheinbar genoss). Seit meine Schwestern wissen, dass ich heute auf diese Bevorzugungen viel lieber nachträglich verzichten würde wenn ich stattdessen keinen sexuellen Missbrauch erlebt hätte, hat sich dieser Punkt deutlich verändert.

Weitere Beispiele, die ein Außenstehender vielleicht gar nicht bemerken würde, waren beispielsweise spezielle Unterwäsche oder Schlafanzüge als Weihnachtsgeschenk. Was mich regelmäßig während der Studienzeit innerlich auf die Barrikaden brachte, waren kurze Hosen (Shorts) oder Handtücher mit Tigerstreifen, die mir meine Mutter schenkte. Mein Unterbewusstsein rebellierte gegen die darin enthaltenen versteckten Anspielungen. Wenn sie mir zu nahe kam, beispielsweise indem sie mir zum Abschied das Kreuzzeichen mit Weihwasser auf die Stirn machte, kochte ich innerlich, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen. Das waren unbewusste Abgrenzungsversuche, als ich bereits erwachsen war. Als Kind hatte ich dagegen keine Chance.

Die Verstrickung mit meiner Mutter wird mir erst jetzt, Jahre nach dem Hochkommen der ersten Erinnerungen, so langsam in ihrer vollen Tragweite bewusst. Eine Folge dieser "Liebes"beziehung mit meiner Mutter war beispielsweise, dass ich für andere Mädchen "reserviert" war und als Jugendlicher keine Freundin haben durfte, ja noch nicht einmal mit Liebesbeziehungen oder Verliebtheit (Flirten) experimentieren durfte.

Drastisch formuliert: ich wurde von meiner Mutter psychisch zum Eunuchen gemacht. Das drückt sich sogar konkret darin aus, dass ich hätte Priester werden sollen.

Ich frage mich heute, wieso ich es nicht geschafft habe, mich aus dieser Verstrickung schon viel früher zu lösen. Bei genauer Betrachtung habe ich mich von einigen Aspekten der Verstrickung durchaus gelöst, von anderen aber konnte ich es nicht. Das scheinen vor allem diejenigen Aspekte zu sein, die bei mir mit Traumata verknüpft sind. Die Trauma-Therapie hat mir dabei sehr geholfen. Bei den psychischen Beziehungs-Verstrickungen reicht das aber nicht; da ist mindestens tiefenpsychologisch fundierte Therapie angezeigt.

Seit kurzem wird mir immer mehr klar, dass diese "Liebes"beziehung für mich als Kind und Jugendlicher existentiellen Charakter hatte. Wenn ich versucht hätte, aus dieser Beziehung zu flüchten, hätte nach meinem Empfinden nicht nur Liebesentzug, sondern Entzug meiner Existenzgrundlage gedroht. Mein Selbsterhaltungstrieb hat daraufhin verhindert, dass ich mich aus dieser Art von Beziehung lösen konnte. Die Beziehung muss Züge von Hörigkeit und anderen Formen destruktiver Beziehungen gehabt haben. Genaueres wird gerade untersucht. Es würde jedenfalls auch teilweise erklären können, weshalb ich bei meiner späteren Partnerwahl danebengegriffen habe.

Damit sind wir beim Problem: wie löst man sich aus solchen Inzest-Verstrickungen?

Ich denke, dass die erste Voraussetzung, nämlich die Erkenntnis, der schwierigste Schritt ist. Der psychische Inzest und möglicherweise auch realer Inzest mit meiner Mutter muss bereits im Kindergarten-Alter stattgefunden haben (ich habe zumindest Erinnerungen aus dieser Zeit, wie sie an meinem Glied herumspielt), wenn nicht noch früher. Der offenkundige Inzest im späteren Alter von 8 Jahren dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. Eine so frühe Prägung ist nicht so einfach über Bord zu werfen.

Mein heutiger strikter Beziehungsabbruch zu meinem Eltern (auch zum Co-Täter) ist ganz sicher hilfreich. Es gibt bestimmte halb-unbewusste Interaktionsmuster mit meiner Mutter, die mich triggern können. Dazu reichen bestimmte Blicke und Gesten, und ich reagiere unbewusst auf eine Weise, die ich bei vollem Bewusstsein nicht gut finde. Allerdings sind viele dieser Reaktionen auch abwehrender Art: als Kind hatte ich keine anderen Möglichkeiten, mich zu wehren.

Meine Haupt-Priorität ist nicht, die Beziehung zur Täterin wieder in Ordnung zu bringen (was vermutlich sowieso vollständig unmöglich ist), sondern meine Beziehungsfähigkeit zu anderen Menschen, auch zu einer zukünftigen neuen Lebenspartnerin, zu verbessern.

Das ist nicht leicht, wenn man so ein Erbe mit sich herumschleppt.

Wenn man es nicht tut, droht die Gefahr von Wiederholungen.