Sowohl in der Frauenbewegung als auch in mancher Missbrauchs-Literatur als auch in "alternativen Kreisen" wird an viele Worte ein "Innen" angehängt, beispielsweise TäterInnen statt Täter. Ich mache das hier nicht, aber nicht deswegen, weil ich gegen das dahinter steckende Grundanliegen wäre.
Das Grundanliegen, eine geschlechtsspezifische Bedeutung mancher Worte zu vermeiden und eine übergeschlechtliche Ausdrucksweise zu vermitteln, halte ich für richtig. Allerdings muss man dieses Problem nicht durch Einführen neuer Sprachnormen lösen, die sich nicht allgemein durchsetzen (können) und in der Öffentlichkeit eher als Zugehörigkeits-Merkmale zu einer bestimmten Gruppe oder einem bestimmten Milieu interpretiert werden.
Man kann sich auch klar machen, dass es im Deutschen zwei verschiedene Geschlechtsformen gibt: das grammatikalische Geschlecht, und das persönliche Geschlecht.
Ein Beispiel: obwohl ich persönlich ein Mann bin, bezeichnet mich mein Arbeitgeber als "die Arbeitskraft", also dem grammatikalischen Geschlecht nach eine weibliche Wortform. Dies stört mich jedoch in meinem männlichen Selbstbild nicht. "Politisch korrekt" müsste ich jedoch auf einer männlichen Form bestehen - schließlich bestehen einige MitgiederInnen der Frauenbewegung ja umgekehrt auf der Spiegelbild-Geschlechtsform.
Es dürfte jedoch schwierig werden, eine adäquate männliche Wortform für "Arbeitskräfte" zu finden: "ArbeitskraftInnen" wäre doppelt weiblich und daher völlig falsch, und "ArbeitskräftEriche" würde bei meinen Lesern wahrscheinlich nur Lachsalven auslösen (oder wäre "LachsalvEriche" politisch korrekt?). Meinem SeelErich würde das auch nicht gefallen, er würde irgendwann in TränEriche ausbrechen (wegen SprachErich-VerhunzErichung).
Natürlich gebe ich zu, dass der umgekehrte Fall männlichen grammatikalischen Geschlechts zur Bezeichnung weiblicher Personen oder Eigenschaften häufiger vorkommt. Ich finde die ungleiche Verteilung auch nicht gut. Ich traue jedoch dem Leser (in der Bedeutung von "LeserIn") zu, zwischen dem grammatikalischen und dem persönlichen Geschlecht unterscheiden zu können und meine Worte angemessen auch in ihrer geschlechtsneutralen persönlichen Geschlechts-Bedeutung zu interpretieren.
Wenn man anfangen wollte, die seit Jahrhunderten eingeschliffenen sprachlichen Schlampereien bei den grammatikalischen Geschlechtsmerkmalen durch eine präzisere Ausdrucksweise zu ersetzen, käme man ins Uferlose.
Ein Beispiel: der Radio-Moderator würde seine Begrüßung mit den Worten "liebe Zuhörer und Zuhörerinnen an den Lautsprechern und Lautsprecherinnen" beginnen.
Wollen wir wirklich immer und überall grammatikalische Geschlechtsneutralität zum Ausdruck persönlicher Geschlechtsneutralität benutzen?