Inzest und sexueller Missbrauch: UTUs Texte

Meinem Onkel Herbert gewidmet, der sich das Leben nahm,
als ihm niemand seine Missbrauchs-Erinnerungen glauben wollte.

Keine Splats und keine Trigger-Warnungen!

Auf diesen Seiten möchte ich die Öffentlichkeit über eines der schrecklichsten Verbrechen informieren und etwas von meinen Erfahrungen mit dem Heilungsweg aus sexuellem Missbrauch an andere Genesende weitergeben.

Von einer der schwersten aller Verletzungen kann man nur heilen, wenn man diese offen anerkennt. Der erste Schritt ist, ganz offen zu benennen, was einem angetan wurde. Ich nehme hier deshalb auch kein Blatt vor den Mund.

Da ich einer der ganz wenigen männlichen Überlebenden von sexuellem Missbrauch bin, die sich erst in geschützten Mailing-Listen und dann auch in anderen öffentlichen Foren getraut haben, etwas über ihr Schicksal zu berichten, muss ich etwas zum Thema Männer / Frauen als Opfer / Täter sagen.

Ich mag die vielen Klischees nicht, die "Männern als Opfer" angeheftet werden.

Ich spreche viel lieber von "Menschen als Opfer" und von "Menschen als Täter".

Die genetischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind im Mittel ziemlich klein (nur ca. 0,1%, siehe z.B. Richard Lewontin: die genetische Variabilität innerhalb einer bestimmten Gruppe von Menschen ist wesentlich größer als die Mittelwerte zwischen den Gruppen). Es gab auch keine getrennte Evolution von Männern und Frauen, sondern nur eine gemeinsame der gesamten Menschheit.

Leider finden sich selbst in renommierten Psychologie- oder Missbrauchs-Fachbüchern viele Klischees, die völlig unhaltbar sind. Ich kann einige davon durch meine eigene Geschichte widerlegen.

Zum Beispiel:

Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich würde einseitig nur Frauen als Täter betonen: unter den fünf Tätern meiner Kindheit waren auch zwei Männer. Einer war im engeren Sinne pädophil und hat meinem Vater Geld dafür gegeben, damit der "arme Junggeselle" auch mal ein "Kind zum Schmusen" hat. Mit Schmusen hatte das aber nichts zu tun, was dieser Typ mir angetan hat. Der andere Täter war Jugendleiter einer katholischen Jugendgruppe und "bekennender Päderast", er hat uns Jugendlichen sogenannte "Aufklärungsfilme" (z.B. über Behinderten-Sex) gezeigt hat und dann sogenannte "Parties" mit 13-jährigen Jungen "gefeiert". Später ist dieser Typ dann katholischer Priester geworden und hat eine Pfarrei in einer Großstadt übernommen, auf der er laut einer Recherche heute noch immer unbehelligt sitzt.

Die Gleichungen Männer=Täter und Frauen=Opfer stimmen einfach nicht. Vor Jahren wurden diese falschen Gleichungen von Teilen der Frauenbewegung propagiert, was sich heute zum Glück über weite Strecken geändert hat (siehe z.B. das Buch "Frauen als Täterinnen" von Michele Elliott und Karin Ayche, die sich aus Frauenbewegungs-Perspektive sehr intensiv mit dem Thema auseinandersetzen).

Die Fronten sollten nicht zwischen Männern und Frauen verlaufen, sondern zwischen Tätern und Opfern.

Ich erkenne die Pionierleistung der Frauenbewegung ausdrücklich an. Betroffene Frauen waren unter den ersten, die das Thema des sexuellen Missbrauchs der gesellschaftlichen Tabuzone entrissen und an die Öffentlichkeit gegangen sind. Ohne diese Pioniere stünden männliche Opfer heute nicht da, wo wir inzwischen -- auch mit Schützenhilfe von Frauen -- angekommen sind. Allerdings reicht das immer noch nicht: gerade die Mutter als Täterin ist immer noch am stärksten tabuisiert. Auch Männer zeigen manchmal wenig Bereitschaft, dieses Tabu zu knacken. Ich möchte mit diesen Seiten einen Beitrag dazu leisten.

UTU